MEINUNG & POSITION

Atomgeschichte(n) 9: 1957 -1959: Der Durchbruch der Atomkraftnutzung

Das „Atom-Ei“ von München-Garching war der erste Kernreaktor Deutschlands. Die Abschaltung erfolgte am 28. Juli 2000 Quelle: Wikimedia Commons, Urheber: High Contrast
Das „Atom-Ei“ von München-Garching war der erste Kernreaktor Deutschlands. Die Abschaltung erfolgte am 28. Juli 2000 Quelle: Wikimedia Commons, Urheber: High Contrast

Von  Frank Petrasch

Kaum zu glauben: Regenerative Energiequellen standen bereits kurz nach dem 2. Weltkrieg hoch im Kurs. Wind-, Wasser- und Sonnenenergie sollten in Westeuropa eine neue Ära der Energieerzeugung einläuten. So betonte der Energiekonzern RWE schon 1948 die „überragende Bedeutung der künftigen Wasserkraftausnutzung“.

Die Begeisterung für „grüne Energie“ verflog jedoch innerhalb weniger Jahre genauso so schnell, wie sie gekommen war. An ihre Stelle trat das Märchen der uneingeschränkten Stromerzeugung durch die Atomenergie. Eine Welle der Euphorie durchzog die Industriestaaten. In der BRD markieren die Jahre 1957 bis 1959 den Höhepunkt der Atom-Euphorie … einer Euphorie, mit der es in den folgenden Jahren ebenfalls peu à peu bergab ging.

Start  ins neue Zeitalter

Der Start ins neue Atomzeitalter begann für die BRD am 31.10.1957. Der erste Kernreaktor ging in München-Garching in Betrieb. Strom für den Hausgebrauch lieferte die Anlage zwar nicht – es handelte sich um einen Forschungsreaktor – aber die Anlage war ein erster Durchbruch bundesdeutscher Atompolitik. Die Öffentlichkeit nannte die Anlage aufgrund ihres Äußeren „Atom-Ei“. Der gesamte Reaktor stammte aus den USA. Um in Zukunft auf amerikanisches Know-how nicht mehr angewiesen zu sein, entstand in Karlsruhe, auf persönliche Anordnung Adenauers, das Zentrum für Reaktorforschung. Auch auf politischer Ebene sollte das bundesdeutsche Atomprogramm vorangetrieben werden. So war bereits 1956 das Atomministerium gegründet worden. Für die rechtliche Grundlage des Reaktorbaus und -betriebs sorgte das deutsche Atomgesetz, das 1960 in Kraft trat.

Atomgemeinschaften für Forschung und Kontrollen

Auch auf internationaler Ebene ging es Schlag auf Schlag. Die BRD gründete zusammen mit Frankreich, Belgien, Luxemburg, Italien und den Niederlanden die Europäische Atomgemeinschaft Euratom. Euratom sollte nicht nur einen gemeinsamen europäischen Markt für die Atomwirtschaft entstehen lassen, sondern auch die friedliche Kernforschung vorantreiben und die Kontrolle des europäischen Atomprojektes gewährleisten. Dazu gehörte u.a., dass Euratom das Brennstoffmonopol der sechs Staaten innehatte. Das Aufgabenfeld der Atomgemeinschaft ging somit weit über energiewirtschaftliche Aspekte hinaus. Ähnliche Ziele verfolgte die Internationale Atomenergie Agentur (IAEA), die bereits 1956 auf Anraten von US-Präsident Eisenhower gegründet worden war. Die IAEA tritt seit ihrem Bestehen für die weltweite Förderung und Kontrolle atomarer Technologien und Produktionsanlagen ein.

Beginnende Kommerzielle Atom-Nutzung

Die Atom-Euphorie „strahlte“ in alle gesellschaftlichen Sphären ab: in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und das öffentliche Leben. Mit aller Macht sollte letztlich auch eine noch skeptische Bevölkerung auf das Atomzeitalter eingestimmt werden. Eines hingegen vermochte die frühe Atom-Politik dabei nicht: Mit der Realität Schritt halten. Es war das eine, über Kernkraftwerke zu reden. Aber es war etwas vollkommen anderes, Kernkraftwerke zu bauen. In Deutschland gab es bis in die 1960er-Jahre trotz „Atom-Ei“, Atomministerium, Atomgesetz, Euratom, IAEA und einer gewaltigen Portion Optimismus schlicht keine kommerziellen Kernkraftwerke. Wobei das Wort Optimismus in diesem Fall weit untertrieben ist. Stellvertretend für die ungebremste Zuversicht war ein Bericht der Europäischen Atomgemeinschaft von 1957. Darin hieß es, dass alle sechs Euratom-Staaten in den nächsten zehn Jahren – also bis 1967 – eine Kernkraft-Kapazität von 15 000 MW stemmen würden. Zum Vergleich: Das erste kommerziell betriebene Kernkraftwerk der Welt (Calder Hall in Großbritannien) erzeugte gerade mal 200 MW. Um die gewünschte Leistung zu erzeugen, wären somit 75 Atomkraftwerke notwendig gewesen. 1967 gab es in der BRD erst ein kommerzielles Kraftwerk. Es hatte eine Leistung von 250 MW.

Militärische Interessen als politische Perspektive

Die Atom-Euphorie in der BRD der 1950er-Jahre darf nicht ohne den militärischen Aspekt gedacht werden. Es ging der Regierung Adenauer neben unabhängiger Energieversorgung und europäischer Integration von Anfang an auch darum, dem Reigen der militärischen Atommächte beizutreten. Daraus machte der Bundeskanzler keinen Hehl – waren doch, so Adenauer, Atombomben „im Grunde genommen nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Artillerie“. Und da man mit Wasser, Sonne und Wind keine Bomben bauen konnte, war die Atomkraft aus politischer Perspektive umso verlockender.

Mit unserer 12teiligen Sommerserie „Atomgeschichte(n)“ beleuchten wir im LichtBlickBlog ein dunkles Kapitel der modernen Energieversorgung. Die Serie wirft einen Blick zurück in die Zeit der Atom-Euphorie der 50er und 60er Jahre über die Formierung der Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren bis hin zur heutigen Atompolitik. Im neunten Teil der Serie geht es nächste Woche um den “Durchbruch in der Atomkraftnutzung” in Deutschland.

Bisher wurden die Teile „Das bisschen Strahlen …“ (Teil 8), “Der Atomminister Franz Josef Strauß” (Teil 7), ”Atomkraft für den Frieden” (Teil 6), ”1951 – das Jahr, in dem zum ersten Mal Atomstrom gewonnen wurde” (Teil 5),  ”Wie die Nazis die ersten Reaktoren bauen wollten und nach der Wunderwaffe suchten” (Teil 4), “Als man mitten in West-Berlin Atomkraftwerke bauen wollte…” (Teil 3), ”Atomförderung in Brasilien – sieht so der deutsche Ausstieg aus?” (Teil 2) und “Die ausbleibende Atom-Renaissance” (Teil 1) veröffentlicht.


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