MEINUNG & POSITION

Atomgeschichte(n) 8: Das bisschen Strahlen …

Quelle: Bundesarchiv
Quelle: Bundesarchiv

von Frank Petrasch

Bis Ende der 1960er-Jahre gab es seitens Politik und Wirtschaft einen aus heutiger Sicht fast unvorstellbaren Glauben an die Beherrschbarkeit der Atomenergie. Exemplarisch dafür stehen die bundesdeutschen Bestrebungen, Atomkraftwerke inmitten von Großstädten zu errichten. Die Gefahr eines Super-GAUs – d. h. eines atomaren Unfalls, der selbst durch technische Sicherheitsvorkehrungen nicht verhindert werden kann – existierte für die meisten Beteiligten nur theoretisch. Das Austreten von radioaktiver Strahlung nach einer Kernschmelze bezeichneten die beteiligten Akteure lapidar als „Restrisiko“ – ein Risiko, dessen Eintreten als absolut unwahrscheinlich galt.

Experten sprachen von „inhärenter Sicherheit“ der Atomreaktoren

Die naive Sorglosigkeit wandelte sich innerhalb von 30 Jahren zu einem sensibleren Umgang mit Atomkraft. Anfangs – in den 1950er Jahren – sprach die Wissenschaft noch von sogenannanter „inhärenter Sicherheit“ bei Atomkraftwerken. Dies bedeutete schlicht und ergreifend, dass zusätzliche technische Sicherheitsvorkehrungen bei den Reaktoren nicht notwendig waren. Die Reaktorkonstruktion selbst schien sicher genug zu sein. Mit zunehmender Leistungsstärke der Atomkraftwerke in den 1960er-Jahren machte die Abkürzung GAU (größter anzunehmender Unfall) die Runde. Dieser tritt genau dann ein, wenn die Hauptkühlung in einem Reaktor zusammenbricht und die Gefahr einer Kernschmelze besteht. Zusätzliche Notkühlsysteme sollten die Gefahr eines solchen Unfalls bannen.

Wirtschaftsminister plädiert für Atomkraftwerke in Afrikas Wüsten und auf Südsee-Inseln

Ende der 1960er-Jahre konnte durch Computersimulationen jedoch gezeigt werden, dass auch Notkühlsysteme keine hundertprozentige Sicherheit boten. Eine Kernschmelze trotz Sicherheitsvorkehrungen? Das wäre der Super-GAU gewesen … oder auch verharmlosend: „Restrisiko“. Bezeichnung hin oder her – der Glaube an die Handhabbarkeit der Atomenergie hatte erste Risse bekommen. In den USA ging man nun dazu über, Atomkraftwerke ausschließlich in menschenleeren Gegenden zu bauen, ein Unterfangen, das in der dicht besiedelten BRD freilich nicht umsetzbar war. Der ehemalige niedersächsische Wirtschaftsminister Pestel hatte allerdings schon einen Lösungsvorschlag parat. Der Bau von Atomkraftwerken sollte doch bitteschön „nicht auf den engbesiedelten Territorien der Industriestaaten stattfinden, sondern in den großen Wüsten Afrikas oder in der menschenleeren Inselwelt der Südsee“.

Verharmlosende Vorstellungen über die Folgen eines Super-GAUs

Die Atomwirtschaft setzte dann doch lieber auf technische Lösungsmöglichkeiten. Mit neuen Sicherheitsmaßnahmen wie etwa einem Betonmantel um den Reaktordruckbehälter sollte das eh schon unwahrscheinliche „Restrisiko“ nochmals minimiert werden. Um die technologische Zuversicht zu demonstrieren, trieben BASF und Bewag in den 1970er-Jahren den Bau von innerstädtischen Atomkraftwerken in Ludwigshafen und West-Berlin voran. Und selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eines Super-GAUs in einer Großstadt einträte, seien die Bewohner – so die Zeitschrift „Atomwirtschaft“ – ja gut geschützt, „da die radioaktive Abluftwolke dann erst außerhalb der Stadt den Erdboden erreicht“. Diese Argumentation war an Absurdität nicht zu übertreffen.

Sachlicher aber ebenso verharmlosend äußerte sich die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom). In einem offiziellen Sicherheitsbericht zum Bau eines potenziellen Atomkraftwerks in West-Berlin hieß es: „wir [sind] zu der Auffassung gelangt, daß – […] unter Berücksichtigung der am Reaktorstandort gegebenen meteorologischen, hydrologischen, geologischen und demographischen Verhältnisse – ausreichende Gewähr dafür besteht, daß ein Reaktor […] gebaut und betrieben werden kann, ohne daß die Gesundheit und Sicherheit des Betriebspersonals und der Allgemeinheit in unzumutbarer Weise gefährdet werden“. Es blieb offen, was genau unter „unzumutbarer Weise“ zu verstehen war, denn die innerstädtischen Atomkraftwerkspläne konnten Gott sei Dank nie realisiert werden.

Anfang der 70er Jahren gab es erste Anti-AKW-Proteste

Dass es diese absurden Gedankenspiele überhaupt gab, lag auch daran, dass Politik und Wirtschaft die Öffentlichkeit von den Planungsvorhaben konsequent ausschloss. Denn innerhalb der Bevölkerung gab es sehr wohl die Angst vor den unabsehbaren Folgen radioaktiver Strahlung und möglicher atomarer Störfälle. Anfang der 1970er-Jahre regte sich erstmals öffentlicher Widerstand gegen den Bau von Atomkraftwerken. Die ersten großen Anti-Atom-Demonstrationen statt. Dennoch mussten noch knapp 15 Jahre ins Land streichen, bis die Realität auch die letzten Atomoptimisten einholte. Der Super-GAU von Tschernobyl am 26. April 1986 sollte einen ersten Wendepunkt in der Geschichte der friedlichen Nutzung von Atomkraft bedeuten. Der zweite folgte am 11. März 2011 in Fukushima.

Mit unserer 12teiligen Sommerserie „Atomgeschichte(n)“ beleuchten wir im LichtBlickBlog ein dunkles Kapitel der modernen Energieversorgung. Die Serie wirft einen Blick zurück in die Zeit der Atom-Euphorie der 50er und 60er Jahre über die Formierung der Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren bis hin zur heutigen Atompolitik. Im neunten Teil der Serie geht es nächste Woche um den „Durchbruch in der Atomkraftnutzung“ in Deutschland.

Bisher wurden die Teile „Der Atomminister Franz Josef Strauß“ (Teil 7), „Atomkraft für den Frieden“ (Teil 6), „1951 – das Jahr, in dem zum ersten Mal Atomstrom gewonnen wurde“ (Teil 5),  „Wie die Nazis die ersten Reaktoren bauen wollten und nach der Wunderwaffe suchten“ (Teil 4), „Als man mitten in West-Berlin Atomkraftwerke bauen wollte…“ (Teil 3), „Atomförderung in Brasilien – sieht so der deutsche Ausstieg aus?“ (Teil 2) und „Die ausbleibende Atom-Renaissance“ (Teil 1) veröffentlicht.


Zurück zur Übersicht »

Artikel kommentieren