MEINUNG & POSITION

Atomgeschichte(n) 11: Die Entstehung der Anti-AKW-Bewegung

Die Anfänge: Demonstranten vor dem Bonner Forschungsministerium, 1975 (c) Bundesarchiv
Die Anfänge: Demonstranten vor dem Bonner Forschungsministerium, 1975 (c) Bundesarchiv

Von Frank Petrasch

Mit dem Bau der ersten Atomkraftwerke in der BRD ließ der Protest gegen die Atomwirtschaft nicht lange auf sich warten. Dass die Anti-Atom-Bewegung im Verlauf der Jahrzehnte zu einer der größten sozialen Bewegung Deutschlands aufstieg, war damals jedoch bei weitem nicht absehbar.

Ursprünge der Anti-AKW-Bewegung reichen bis in der 50er Jahre zurück

Die Ursprünge der Anti-AKW-Bewegung reichen – erstaunlicherweise – bis in die 1950er-Jahre zurück. Bereits 1956 veröffentlichte die Zeitschrift „Gewissen“ erste kritische Texte zur zivilen Nutzung der Atomenergie („Mit Atom-Meilern ist nicht zu spaßen“). Ebenfalls in den 1950er-Jahren gründeten sich die ersten Anti-AKW-Initiativen wie der „Kampfbund gegen Atomschäden“ oder der „Weltbund zum Schutz des Lebens“. Ein weiterer Irrglaube ist, dass die Anti-AKW-Bewegung aus dem politisch linken Spektrum entstanden ist. Im Gegenteil: So waren es nicht etwa Studenten oder linkspolitische Gruppen, die den Stein zum Rollen brachten, sondern in erster Linie konservativ geprägte Landwirte und Lokalpolitiker. Diese fürchteten die negativen Auswirkungen von Atomkraftwerken auf ihre Gemeinden und Agrarflächen. Mit negativen Auswirkungen war dabei nicht etwa radioaktive Strahlung oder gar ein Super-GAU gemeint – das konnte sich noch keiner wirklich vorstellen. Eher fürchteten die Widerständler in der Provinz eine Erwärmung der Flüsse durch Abwässer, die Dampfschwaden der Kühltürme sowie landschaftliche Imageschäden.

Bisweilen driftete die frühe Anti-AKW-Bewegung sogar in ein politisches Spektrum ab, das NS-Ideologien beängstigend nahe kam. In einem der ersten Anti-Atom-Bücher von Ralph Graeub von 1972 hieß es etwa, dass radioaktive Strahlen die natürliche Auslese der Menschheit – damit war gemeint die Auslese der „Kranken, Schwachen und Erbgeschädigten“ – negativ beeinflusse. Die Nähe des frühen Naturschutzes zu nationalsozialistischem Gedankengut war dabei keine Seltenheit. Auch der „Weltbund zum Schutz des Lebens“, der unter anderem die ersten lokalen Atomproteste finanzierte, war auf Initiative des österreichischen Schriftstellers und Umweltschützers – und ehemaligen Nationalsozialisten – Günther Schwab entstanden.

1975 gelangt der erste große Erfolg: Der Bau des AKWs Whyl wurde verhindert

Polizeieinsatz in Brokdorf (c) Wikimedia Commons, Hans Weingartz
Polizeieinsatz in Brokdorf (c) Wikimedia Commons, Hans Weingartz

Der Startschuss zu organisierten breiten Anti-AKW-Protesten fiel jedoch Anfang der 1970er-Jahre. Der Unterschied zu früheren Protestaktionen war, dass diese erstmals überregionale Aufmerksamkeit genossen. Das hatte mehrere Gründe. Erstens engagierten sich neben den lokal agierenden Akteuren nun mehr auch Wissenschaftler und sogar Bundestagsabgeordnete an den Protesten. Dies verschaffte den Demonstrationen mehr Glaubwürdigkeit und ergo mehr Gehör.

Darüber hinaus gab es die ersten überregionalen Vernetzungen zwischen den verschiedenen Akteuren. So mischten sich bei den Protesten gegen den Bau des Atomkraftwerkes Wyhl 1975 neben Winzern und Landwirten auch Studenten unter die Demonstranten. Drittens griffen die Akteure zunehmend zu radikaleren Methoden. Waren die ersten Proteste gegen das geplante Atomkraftwerk in Würgassen 1968 noch relativ „brav“ verlaufen, verschafften sich die Demonstranten in Wyhl erstmals bundesweit Gehör. Da mit Sachargumenten allein keine mediale Aufmerksamkeit erzeugt werden konnte, kam es zur gewaltsamen Besetzung des Baugeländes. Die Staatsmacht reagierte ihrerseits mit einem brutalen Polizeieinsatz – ein Vorgehen, das den Widerständlern in der Folge unerwartete mediale Sympathien einbrachte. Letztlich konnte der Bau des Atomkraftwerks auf juristischem Weg unterbunden werden. Der erste Sieg der Atomkraftwerksgegner war perfekt.

Von der überschaubaren Bewegung zum Massenprotest

Euphorisiert durch den Erfolg in Wyhl machten die neuen Protestmethoden Schule: In Brokdorf (1976, 1981), Grohnde (1977) und Kalkar (1977) kam es ebenfalls zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die Erfolgsgeschichte von Wyhl ließ sich jedoch nicht wiederholen. Und das, obwohl in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre erstmals die tatsächlichen Gefahren von Atomkraftwerken im Vordergrund des Protestes standen. Die Atomkraftgegner kritisierten nicht mehr den Bau einer groß-industriellen Anlage per se, sondern nahmen speziell die Reaktor- und Brennstoffkreislauftechnik ins Visier. Dies waren die wahren AKW-Schwachstellen. Käme es hier zu gravierenden Störfällen, wären die Konsequenzen mit einem Atombombenabwurf gleichzusetzen. Durch diesen Perspektivwechsel identifizierte sich nun auch die studentische Linke mit der Anti-AKW-Bewegung. Diese brauchte mit dem Ende des Vietnamkrieges und der neuen SPD-geführten Ostpolitik umso mehr ein neues Feindbild.

Die einst überschaubaren Proteste Ende der 1960er-Jahre wandelten sich im Verlauf der Zeit zu Massendemonstrationen. Vorläufiger Höhepunkt der Anti-AKW-Bewegung war der Protest gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben Ende der 1970er-Jahre. Hier vollzog die Anti-AKW-Bewegung endgültig den Wandel zu einer bundesweiten Umweltbewegung – eine Bewegung aus der letztlich eine neue Partei, die Grünen, entstehen sollten.

Mit unserer 12teiligen Sommerserie „Atomgeschichte(n)“ beleuchten wir im LichtBlickBlog ein dunkles Kapitel der modernen Energieversorgung. Die Serie wirft einen Blick zurück in die Zeit der Atom-Euphorie der 50er und 60er Jahre über die Formierung der Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren bis hin zur heutigen Atompolitik. Zum Abschluss der Serie stellen wir nächste Woche das Anti-Atom-Spiel „SuperGAUdi“ vor.

Bisher wurden die Teile „Lobbyismus mit Geschichte: Die Gründung des Atomforums“ (Teil 10),  ”1957 -1959: Der Durchbruch der Atomkraftnutzung” ( Teil 9), “Das bisschen Strahlen …” (Teil 8), “Der Atomminister Franz Josef Strauß” (Teil 7), ”Atomkraft für den Frieden” (Teil 6), ”1951 – das Jahr, in dem zum ersten Mal Atomstrom gewonnen wurde” (Teil 5),  ”Wie die Nazis die ersten Reaktoren bauen wollten und nach der Wunderwaffe suchten” (Teil 4), “Als man mitten in West-Berlin Atomkraftwerke bauen wollte…” (Teil 3), ”Atomförderung in Brasilien – sieht so der deutsche Ausstieg aus?” (Teil 2) und “Die ausbleibende Atom-Renaissance” (Teil 1) veröffentlicht.


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