MEINUNG & POSITION

Atomgeschichte(n) 10: Lobbyismus mit Geschichte: die Gründung des Atomforums

RWE gab mit staatlicher Unterstützung Ende der 1960er-Jahren das größte Atomkraftwerk der Welt in Auftrag: Das Atomkraftwerk Biblis. Den Bau von atomaren Großanlagen hatte das Atomforum bereits 1961 gefordert.
RWE gab mit staatlicher Unterstützung Ende der 1960er-Jahren das größte Atomkraftwerk der Welt in Auftrag: Das Atomkraftwerk Biblis. Den Bau von atomaren Großanlagen hatte das Atomforum bereits 1961 gefordert.

Von Frank Petrasch

Die friedliche Nutzung der Atomkraft in der BRD war alles andere als ein Selbstläufer. Nach einer ungebremsten Euphoriewelle Mitte der 1950er-Jahre schien der Traum des Atomzeitalters nur wenige Jahre später schon wieder ausgeträumt.

Kohle und Öl dominierten nach wie vor die bundesdeutsche Energiewirtschaft. Was die Atomindustrie brauchte, war eine gute Presse … und gute Kontakte. Das 1959 gegründete Atomforum lieferte beides.

Imageaufbesserung durch das Atomforum

Der „gemeinnützige“ Verein hatte sich die Aufgabe gesetzt, der Kernenergie in der Öffentlichkeit ein besseres Image zu verleihen. Dies war Ende der 1950er-Jahre aus Sicht der Atomverfechter – in erster Linie Vertreter aus Politik und chemischer Industrie – auch dringend notwendig. Denn nicht nur die Energiewirtschaft zeigt mangelndes Interesse an der neuen Technologie. Auch die Bevölkerung war der Kernenergie eher skeptisch gesonnen. Das Atomforum, das sich im Laufe der 1960er-Jahre zum Sprachrohr aller Atominteressenten entwickelte, rührte fortan die Werbetrommel. Werbebroschüren, Wanderausstellungen, selbst produzierte „Aufklärungsfilmchen“, Konferenzen und Jahrestagungen sollten die Atomkraft einer breiten Öffentlichkeit schmackhaft machen. Die Botschaft war unmissverständlich: Deutschland brauche „die Eigenentwicklung von Leistungsreaktoren und die Errichtung von Großanlagen“, so die Forderung des Atomforums 1961.

Subventionen machen Atomstrom rentabel

Als Zugpferd fungierte bis in die 1970er-Jahre hinein Karl Winnacker, seinerzeit auch Vorstandsvorsitzender der Hoechst AG. Als Präsident des Forums gelang es ihm, hochkarätige Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik als Mitglieder zu gewinnen. Ein raffinierter Coup: Denn die Stromproduktion durch Atomkraftwerke war in den 1960er-Jahren aus wirtschaftlicher Sicht höchst unrentabel. Die einzige Möglichkeit, Atomenergie kostengünstig zu produzieren, lag in der Anzapfung von staatlichen Subventionen – milliardenschwer. Dass diese natürlich nicht ausschließlich durch eine hohe Auflage von Hochglanzbroschüren zu bekommen waren, war klar. So spielte es der Atomwirtschaft wie auf wundersame Weise entgegen, dass auch Bundestagsabgeordnete im Präsidium des Atomforums saßen. Aus dem Klüngel von Politik und Wirtschaft entstand unter der Leitung von Winnacker das erste Atomprogramm der BRD. Weitere sollten folgen. Von der „Gemeinnützigkeit“ des Vereins konnte keine Rede mehr sein. Das Atomforum entwickelte sich zu einem der mächtigsten Lobbyverbände Deutschlands.

Das Atomforum als Lobby

Die PR- und Lobbyarbeit zeigte Wirkung. Kaum jemand stellte den bundesdeutschen Atomkurs bis Anfang der 1970er-Jahre ernsthaft in Frage. Die Erzeugung von Atomstrom war gesellschaftlich akzeptiert. Der Schlüssel des Erfolgs lag unter anderem darin begründet, dass die Presselandschaft keine atomkritischen Fragen stellte. So resümierte Karl Winnacker: „Hauptaufgabe des Deutschen Atomforums war die Förderung der Kernenergie im Bewusstsein der Öffentlichkeit. […] Im Laufe der Jahre gelangte die Presse zu einer recht sachlichen Berichterstattung. Ohne sie wäre die gesamte Arbeit für die Kernenergie, besonders auch die Beschaffung der staatlichen Mittel, gar nicht möglich gewesen“. Mit „sachlicher“ Berichterstattung war eine atomfreundliche Presse gemeint.

Aufkeimende Anti-Atombewegung ab den 1970er Jahren

Widerstand gegen die Atompolitik der BRD setzte erst in den 1970er-Jahren ein. Mit der aufflammenden Anti-Atom-Bewegung hatte die Atomindustrie einen zunächst unterschätzten, später jedoch ernst zu nehmenden Gegner. Das Atomforum torpedierte die Proteste massiv und diskreditierte sie als naiv, unsachlich und emotional. In eigenen Publikationen spielte der Verein die Gefahren der Atomenergie herunter. Selbst die Auswirkungen des Super-GAUs von Tschernobyl 1986 versuchte das Atomforum mit teuren PR-Aktionen kleinzureden – mit Erfolg wie sich zeigte. Denn trotz der Atomkatastrophe in der Ukraine konnte das Atomforum seine öffentlichkeitswirksame Stellung auch für die folgenden 25 Jahre behaupten. Zwar war der von der rot-grünen Bundesregierung beschlossene Atomausstieg nicht zu verhindern. Bei der Frage, wann dieser Ausstieg vollzogen werden sollte, hatte das Atomforum jedoch ein gehöriges Wörtchen mitzureden. In der Folge verlängerte die schwarz-gelbe Bundesregierung 2010 die Laufzeiten der Kraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre. Parallel dazu versuchte das Atomforum den deutschen Atomkraftwerken durch sogenannte „greenwashing“-PR-Aktionen, ein umweltfreundliches Image zu verleihen. Die Quittung folgte auf dem Fuße: Der Verein erhielt 2007 den „Worst EU Lobbying Award“.
Der Katastrophe von Fukushima und der damit verbundenen Kehrtwende der schwarzen-gelben Bundesregierung in puncto Atomausstieg hatte das Atomforum indes nichts entgegensetzen.

Bisher wurden die Teile  „1957 -1959: Der Durchbruch der Atomkraftnutzung“ ( Teil 9), “Das bisschen Strahlen …” (Teil 8), “Der Atomminister Franz Josef Strauß” (Teil 7), ”Atomkraft für den Frieden” (Teil 6), ”1951 – das Jahr, in dem zum ersten Mal Atomstrom gewonnen wurde” (Teil 5),  ”Wie die Nazis die ersten Reaktoren bauen wollten und nach der Wunderwaffe suchten” (Teil 4), “Als man mitten in West-Berlin Atomkraftwerke bauen wollte…” (Teil 3), ”Atomförderung in Brasilien – sieht so der deutsche Ausstieg aus?” (Teil 2) und “Die ausbleibende Atom-Renaissance” (Teil 1) veröffentlicht.


Zurück zur Übersicht »

Artikel kommentieren