MEINUNG & POSITION

Atomdebatte: Unglaublicher Zynismus

Die Katastrophe von Fukushima, Foto: Flickr, Jun Teramoto
Die Katastrophe von Fukushima, Foto: Flickr, Jun Teramoto

Ich habe nach meinem Studium ein halbes Jahr in Tokio gelebt und dort gearbeitet. Auch wenn das schon eine ganze Weile her ist, wird mir diese Zeit sehr lebendig und ich fühle sehr mit den Menschen in Japan, wenn ich dieser Tage Nachrichten höre oder den Liveticker über die Katastrophe im Internet verfolge. Die Luftbilder der vom Tsunami überfluteten Gebiete haben viel Ähnlichkeit mit den mir sehr präsenten Bildern aus japanischen Museen von der Zerstörung ganzer Städte im Zweiten Weltkrieg: Nur die wenigen Stein-/Betonhäuser stehen noch… Die Erinnerung an das atomare Inferno von Hiroshima und Nagasaki 1945 wird in Japan wach gehalten und macht jeden Besucher sehr betroffen. Ich hoffe, dass das ganz große Unglück 2011 noch verhindert werden kann.

Warum muss es erst zur Katastrophe kommen?

Und zu allem Leid in Japan kommt ein „leider“ hier in Deutschland: Erst die Tatsache, dass eben doch nicht alle Eventualitäten abgesichert werden können, dass es in der Realität anders und schlimmer kommen kann, als die im Vorhinein erstellten Risikoanalysen zeigen, erst die wahrscheinliche und ganz große Katastrophe bringt nun  laut akutellen Medienberichten auch führende Politiker der Regierungskoalition dazu, die Verlängerung der Atomkraft-Laufzeiten  zu überdenken.

Ich empfinde diese Debatte als unfassbar zynisch. Warum muss erst eine weitere Katastrophe passieren, warum müssen erneut Menschleben gefährdet sein, damit unsere Regierenden die Atomkraft ernsthaft in Frage stellen? Die Risiken sind immer wieder und umfassend dargestellt worden. Und wir alle wissen, dass die Risiken der Atomkraft nicht abschliessend beherrschbar sind. Jetzt sollen neue Risikoanalysen her – aber ist das letztlich nicht wieder nur ein Spielen auf Zeit, um vor den anstehenden Wahlen nicht noch mehr an Boden zu verlieren?

Die Hälfte der Meiler kann und muss sofort abgeschaltet werden

Allein glaubwürdig wären schnelle, klare und langfristig verlässliche Entscheidungen – keine Hinhaltetaktik: Die alten und anfälligen Reaktoren müssen umgehend vom Netz. Deutschland kann ohne Engpässe bei der Stromversorgung auf die Hälfte seiner Meiler verzichten. Und der Rest muss dann so schnell wie möglich abgeschaltet und durch erneuerbare Energien ersetzt werden.

Ein Beitrag von Dr. Christian Friege, Vorstandsvorsitzender bei LichtBlick


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9 Kommentare

  • Holger Bockholt sagt:

    Und wir können DOCH etwas bewirken.
    Als verantwortungsbewußter Partner der Lichtblick AG unterstützen wir, die HomeCompany, deren Bemühen zur Nutzung nachhaltiger und umweltfreundlich gewonnener Energie.
    Nicht nur in Tagen wie diesen.


  • Schinderhannes sagt:

    Mein Sonntagskommentar widmet sich diesmal der Bundeskanzlerin. Bei genauem Hinsehen entpuppen sich die Schnellentschlüsse zum Atommoratorium keineswegs als verantwortliches und sinnvolles Regierungshandeln, sondern als panische Wahlkampftaktik angeschlagener Regierungsparteien. Die Sicherheitslage unserer Atomkraftwerke hat sich wegen Japan nicht objektiv verändert und es stehen derzeit auch keine Zunamis zu erwarten. Dagegen gäbe es sehr wohl juristische Konsequenzen des derzeitigen Regierungshandlens zu bedenken. Wie steht es mit Schadensersatzansprüchen aus dem schändlichen „Laufzeitverlängerungsgesetz“? Das deutsche Volk würde sie bezahlen müssen, nicht Angela Merkel und auch nicht die CDU. Man kann solche weitreichenden Beschlüsse doch nicht einfach „aus der Damenhandtasche“ der Bundeskanzlerin hervorzaubern, das ist purer Opportunismus!

    Der zweite Punkt ist Libyen. Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß sich die Kanzerlin mit ihrer Vogel-Strauß Politik als untragbar verabschiedet hat. Wir müssen endlich von unserer „Mach meinen Gartenzwerg nicht naß!“ Lebenseinstellung wegkommen. Europa kann es sich nicht erlauben, Arabien sich selbst zu überlassen. Es ist unser gefährlicher Südrand und wird unsere Lebens- und Kulturaussichten entscheidend mitbestimmen. Wir können doch nicht einem irren Diktator erlauben, sein Volk abzuschlachten und europäische Interessen zum Spielball von Hohn und gefährlicher Launen zu machen. Ich frage mich, mit welchen Gedanken Angela Merkel hier zuschauen möchte? – Wir müssen auch auf die aufstrebende Bildungsschicht Arabiens zugehen und dürfen sie nicht hilflos stehen lassen, sonst würde Europa als Kulturraum bald jegliche Glaubwürdigkeit verlieren. Ich danke dem französischen Präsidenten Sarkozy für sein beherztes Eintreten! Daß Deutschland nun als feiger Opportunist in Europa dasteht, haben wir unserem uneinsichtigen Regierungs-Duo zu verdanken.

    Jegliche Glaubwürdigkeit verloren hat dagegen für mich Angela Merkel. Diese Frau reagiert nur noch von Fall zu Fall, ist offensichtlich überfordert, entscheidungsunfähig, unbesonnen und eine Schande für unser Land! Wenn die derzeitige Regierung noch etwas Mumm in den Knochen hätte, müßte sie aus eigenen Stücken wegen Unfähigkeit abdanken.


  • Carsten sagt:

    Wirklich ärgern kann ich mich nur über die Scheinheiligkeit. Unsere AKWs wären sicher, auch im Schatten der Anschläge vom 11. September und der erhöhten Sicherheitslage letzten Winter hieß dies so. Nun kommt jedoch heraus, dass einige Kraftwerke einem Passagierflugzeugabsturz nicht standhalten würden?
    Deutschland hat bereits, dank unserer gut aufgestellten Universitätslandschaft, innovative Ideen und kann diese umsetzen. Methansynthese mittels Strom aus erneuerbaren Energien, ‚Schwarmstrom‘, Intelligente Stromzähler, welche dem Verbraucher den Anreiz geben ihre Verbraucher in den Off-Peak-Zeiten einzuschalten und somit die Spitzenlast ‚entlasten‘.
    Anstatt die Lobbypolitik und die enormen Gewinne der Energieriesen zu schützen hätte die Regierung die letzten Jahre viel mehr Geld und Willen in die erneuerbaren Energien investieren können. Die Antwort der Stromerzeuger, dass ein Ausstieg dem Verbraucher teuer zu stehen komme ist zynisch! Lassen wir doch den Ausstieg den Aktionären mit ihrer unverschämt hohen Dividende was kosten, wie wäre es damit?! Diese hätte ohnehin in den letzten Jahren sinnvollerweise in den Netzausbau und Neubau regenerativer Energien fließen sollen.
    Ich hoffe, dass viele Menschen in diesem Land bemerken, dass sie tatsächlich für dumm verkauft werden.


  • Heinz sagt:

    Ich kann die Beschwerden über die Politik nicht mehr hören. Schwarz/Gelb oder Rot/Grün….Stand heute das gleiche Ergebnis: Wir haben Atomkraftwerke.

    Die Kinder möchten, dass Mama etwas richtet, dass aber die Mama nicht alleine richten kann!

    Ein paar Taler aus der Sparbüchse im Monat kauft Ökostrom – alle mitmachen und das Problem erübrigt sich von alleine, denn ich finde es schade, dass die meisten jammern, aber nicht selbst dafür sorgen, dass sich etwas verändert. Dies ist kein politisches Problem. Dies ist ein Konsumentverhaltensproblem! Es gilt das Prinzip: Angebot/Nachfrage!

    Und bis dahin darf nicht vergessen werden, dass Strom aus Kohlekraftwerken immer noch überwiegt und prinzipiell das umweltschädlichste ist.

    Also: Anbieter wechseln….und wie wärs mal mit ein bisschen „Energie sparen“?


  • Michael sagt:

    Zitat:
    „Wir kennen unsere Angie und das Volk lässt sich nicht weiter für dumm verkaufen …“

    Ich meine schon. Zumindest die Meisten. Wenn ich mich mit Kollegen darüber unterhalte, und angesichts der Geschehnisse erst recht vorschlage nach Lichtblick zu wechseln, klingen die nicht besonders interessiert. Immer nach dem Motto: „Wenn ich wechsele, wird dadurch kein Meiler abgeschaltet.“
    Auch beim Hinweis, dass wenn genug Leute zusammengekommen sind, doch was abgeschaltet werden muss, hilft bei den meisten Leuten wenig.

    Einfach den Kopf in den Sand stecken. 🙁 Erschrocken von der dortigen Katastrophe ja, aber selbst was ändern nein. Und wenn solche Leute dann noch abwechselnd die großen Parteien wählen aber nach jeder Wahl unzufrieden sind kann ich nur den Kopf schütteln.


  • Jan sagt:

    Hallo Jim Bob,

    ich sehe das genau so wie Du. Ich glaube der Merkel kein Wort. Plötzlich stellt Sie Ihre Laufzeitverlängerung, die sie mit Schwarz-Gelb gegen den Willen des Volkes und der Opposition eiskalt durchgeboxt hat, in Frage.

    Mal abgesehen davon, dass die Atomlobby sicher schon bei ihr auf der Matte steht :-/ Hat sich seit der schrecklichen Katastrophe in Deutschlands Meilern was geändert? NEIN. Und warum nur 3 Monate? Tja, dann sind die wichtigsten Landtagswahlen vorbei. Weißt du was beim Moratorium herauskommen wird? Die Sicherheit ist nun hinreichend geprüft worden und gewährleistet. Alles bleibt wie gehabt.

    Wetten?

    In einer Umfrage im ARD Morgenmagazin sehen dass gottlob die meisten Bürger genau so. Wir kennen unsere Angie und das Volk lässt sich nicht weiter für dumm verkaufen …


  • Jim Bob sagt:

    Unglaublich wie jetzt die Unions und FDP Politiker jetzt ganz plötzlich, nach Wählerstimmen schielend, auch ganz plötzlich gegen Atomenergie sind.
    Ein verlogenes Pack ist das !


  • Michael Beyer sagt:

    Ich teile Ihre Meinung voll und ganz!

    Das Problem besteht immer wieder in derselben Thematik. Das Ereignis Tschernobyl ist zu lange her um sich daran zu erinnern. Immer wieder wird beteuert, dass es in Deutschland nicht zu einem solchen Ereignis kommen kann und das sei schon viel zu lange her um darüber nachzudenken. Somit braucht es leider, leider ein Ereignis wie in Japan damit die Menschen verstehen um was es hier geht. Und dabei meine ich nicht nur die Politiker sondern auch die Menschen an sich.

    Leider merkt auch die Bevölkerung immer viel zu spät, dass man solche Dinge selbst in der Hand hat. Würden die Menschen selbst zu umweltfreundlichen Stromanbietern wechseln und so den großen Konzernen das Geld entziehen würde auch wirklich ein Wandel in Deutschland geschehen. Bei den Wahlen in den Bundesländern und den Bundestagswahlen hat jeder Bürger sein Recht zu entscheiden wie es weitergeht.

    Und Sie haben völlig recht, die Auftragvergabe für neue Gutachten sind wieder nur ein Omen an die Öffentlichkeit, dass „man schon alles im Griff hat“. Man sollte dem keinen Glauben schenken, denn die Gutachten werden wieder nur ergeben: „Deutsche Kernkraftwerke sind sicher!“

    Und die Rechnung für die Gutachter selbst werden wahrscheinlich wieder von den großen Energiekonzernen bezahlt.


  • Marion Ihlas sagt:

    Sehr gutes Statement.

    Vor allen Dingen wird hier deutlich, das sich Experten, die sich mit der Atomproblematik und Alternativenenergieresourcen fundiert auskennen, immer und immer wieder die Bevölkerung und die Ökologie zu schützen suchten, im Gegensatz zu ignoranten, noch nicht mal drittklassigen Politikern, die anscheinend Ihre Verantwortungen nicht Ernst genommen haben.

    Das ist als grob vorsätzlich unf fahrlässig zu bewerten. Passendes juristisches Vokabular wird sich nennen lassen unter Berufung der korrekten Paragraphen.

    Das ist der eigentliche Supergau des Supergaus, der Rücktrittsforderungen und der Anzeigenerstattung gegen regierende Kreise und Personen seitens der Bevölkerung und der Opposition zur Konseqenz haben muss.

    Immer wieder missbrauchtes Vertrauen in eine Regierungsklique, die nicht Realitätsbezogen fungiert, ist dem Volk eine Belastung, kein Segen.

    In medias res!

    +Marion Ihlas+


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