MEINUNG & POSITION

Das war’s mit dem AKW Grafenrheinfeld

Ein nächster Meilenstein der Energiewende: An diesem Wochenende geht das größte und derzeit älteste deutsche Atomkraftwerk vom Netz. Zum Ausruhen bleibt aber keine Zeit. Sorgte bislang der AKW-Betrieb für Diskussionen, so sind es nun die Probleme danach: Gaskraft, die 10-H-Regel und eine Stromtrasse namens Suedlink.
Eine Würdigung von Nick Reimer

Gehen in Bayern nach dem Aus von Grafenrheinfeld die Lichter aus?, Foto: MarcelG, flickr
Gehen in Bayern nach dem Aus von Grafenrheinfeld die Lichter aus?, Foto: MarcelG, flickr

Früher als gedacht vom Netz

Da waren’s nur noch acht: Europas größter Stomkonzern Eon wird an diesem Wochenende sein Atomkraftwerk Grafenrheinfeld im unterfränkischen Schweinfurt abschalten. Für immer. Und ganz freiwillig. Denn eigentlich hätte das AKW Grafenrheinfeld laut Atomausstiegs-Beschluss aus dem Jahr 2011 erst zum Jahresende vom Netz getrennt werden müssen. Macht Betreiber Eon jetzt einen auf Anti-Atom?
Nichtdoch, nichtdoch! Der Abschalt-Grund ist ganz profaner. Der schwer angeschlagene Stromriese Eon will sich die Brennelementesteuer sparen. Im Mai nämlich wäre technisch ein Brennstab-Wechsel im Reaktor Grafenrheinfeld noch einmal fällig gewesen. Und damit hätte Eon pro Gramm Kernbrennstoff 145 Euro zahlen müssen – für Brennstäbe, die nach sechs Monaten auch noch teuer hätten entsorgt werden müssen. Die Bayerische Staatsregierung hat ihre Zustimmung zum vorzeitigen Abschalten bereits gegeben – es drohe keine Versorgungslücke. Auch die Bundesnetzagentur hat bislang keine Einwände geltend gemacht. Zwar lief der Reaktor dann doch noch im Juni, die „Restverfügbarkeit des Kernbrennstoffs“ machte es möglich, wie Eon mitteilte. Aber nun ist Schluss!

Proteste – von Anfang an

Begonnen hatte alles 1969: Im August stimmte der Gemeinderat von Grafenrheinfeld dem Atomkraftwerks-Bau durch die Bayernwerk AG zu. Aber schon damals gab es Gegner der geplanten Atomanlage. 1972 gründeten die Aktivisten die Bürgeraktion Umwelt- und Lebensschutz – Bürgerinitiative gegen Atomanlagen, kurz BA-BI, die fortan gegen das AKW kämpfte – während der Bauzeit und auch danach.
Trotzdem ging der Druckwasserreaktor mit einer elektrischen Bruttoleistung von 1.345 Megawatt am 9. Dezember 1981 ans Netz. Durchschnittlich produzierte das AKW jährlich zehn Milliarden Kilowattstunden. Damit ist es eines der größten der Welt. Die zwei weithin sichtbaren Kühltürme sind 143 Meter hoch, seit März 2006 gibt es ein Zwischenlager für abgebrannte Kernbrennstäbe.

Gehen in Bayern die Lichter aus?

Wo soll der Strom herkommen? windräder und Strommasten sind in Bayern nicht gern gesehen, Foto: pixabay
Wo soll der Strom herkommen? Windräder und Strommasten sind in Bayern nicht gern gesehen, Foto: pixabay

Nun geht Grafenrheinfeld also vom Netz. Gehen damit in Bayern – wie prognostiziert – tatsächlich die Lichter aus? Zumindest wird die bayerische Versorgungssicherheit in diesem Jahr zum Thema. Denn bis spätestens 2022 gehen auch alle restlichen AKW in Bayern vom Netz – die verbliebenen Reaktoren der Kraftwerke Grundremmingen und Isar. Wie Bayern dann künftig zu seinem Strom kommt, darüber gehen die Meinungen in Bund und Land auseinander. Zumindest wird er wohl nicht nennenswert von heimischen Windkraftwerken stammen, da Bayern für sich die sogenannte 10-H-Regelung durchgesetzt hat. Danach müssen Windräder in Bayern wenigstens doppelt so weit von jeder Wohnbebauung entfernt stehen wie im Rest der Republik. Weil das praktisch unmöglich ist, kommt der Windkraftausbau im Freistaat einfach nicht vom Fleck.

Gaskraftwerk statt AKW?

Während Bayern den Wegfall seiner AKW am liebsten vor Ort mit neuen Gaskraftwerken ausgleichen möchte, will die Bundesregierung neue Stromleitungen von Nord- nach Süddeutschland bauen, um vom Norden überschüssigen Strom in den Süden zu transportieren. Gaskraftwerke sind derzeit wirtschaftlich nämlich nicht konkurrenzfähig und Bayern als wirtschaftlichem Zentrum der Bundesrepublik soll ja nicht wirklich der Saft abgestellt werden. Doch, doch: Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) will genau das. Der Landeschef und seine „Volkspartei“ CSU nämlich sträuben sich mit dem üblichen Populismus besonders gegen die geplante Nord-Süd-Trasse, die vom Nordosten Deutschlands bis ins bayerisch-schwäbische Augsburg führen soll. Dabei geht es vor allem um optische Gründe. Die EU hat jetzt deshalb empfohlen, den bayerischen Strompreis drastisch zu erhöhen. Scheitert das Trassenprojekt Suedlink, dann dürften nicht alle deutschen Verbraucher für Mehrkosten heran gezogen werden, die notwendig sind, um Bayern mit Strom zu versorgen.

 

Der Beitrag wurde uns mit freundlicher Genehmigung von klimaretter.info zur Verfügung gestellt.


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