MEINUNG & POSITION

Abschied von der Atomkraft

In den ersten sechs Monaten des Jahres 2016 ist nirgendwo auf der Welt mit dem Bau eines neuen Atomkraftwerks begonnen worden. Auch sonst gibt es zahlreiche Anzeichen, dass die Atomenergie ihre Hochzeit hinter sich hat: Bereits das dritte Jahr in Folge ist die Zahl der in Bau befindlichen Reaktoren rückläufig. Waren es Ende 2013 noch 67 Blöcke weltweit, so sind es derzeit nur 58. Das sind einige der Ergebnisse, die der World Nuclear Industry Status Report 2016 zusammengetragen hat.

Atomkraft wird unrentabel

30 Jahre nach Tschernobyl und fünf Jahre nach Fukushima stehe die Atomenergie nicht nur für Gefahr – sie sei nun auch selber in Gefahr, heißt es in dem Report. Bei vielen AKW-Bauten kommt es zu teils jahrelangen Verzögerungen, die Kosten explodieren. Aus wirtschaftlicher Sicht lohnt es sich immer weniger, Atomkraftwerke zu betreiben. „Die Erneuerbaren haben da längst die Nase vorn“, konstatiert Tomas Kåberger von der TH Chalmers in Göteborg im Vorwort des Berichts. Kåberger gehört dem Vorstand des Atomkonzerns Vattenfall an.

Gute Nachricht des World Nuclear Reports - Entwicklung der Atomkraft stagniert, Grafik: World Nuclear Report
Gute Nachricht des World Nuclear Reports – Entwicklung der Atomkraft stagniert, Grafik: World Nuclear Report

Der „China-Effekt“

Dass die Atomenergie bislang nicht noch mehr Federn lassen musste, liegt allein an China. Dort werden kräftig neue nukleare Kapazitäten aufgebaut. Im letzten Jahr lag der Zuwachs in China laut Report bei 31 Prozent – sodass es auch global gesehen einen Zuwachs beim Atomstrom gab: nämlich um 1,3 Prozent. Von einem „China-Effekt“ spricht das Papier: Von den zehn Reaktoren, die 2015 ans Netz gingen, stehen acht im Reich der Mitte. Und von den acht Reaktoren, deren Bau letztes Jahr begann, stehen in China – sechs. Und von den 58 Blöcken, die sich momentan weltweit in Bau befinden, sind 21 in China. Dadurch liegt der Anteil des Atomstroms in der globalen Energieerzeugung seit vier Jahren stabil bei gut zehn Prozent. Das ist allerdings deutlich weniger als in der Vergangenheit – mit knapp 18 Prozent Anteil erreichte der Atomstrom 1996 seinen Peak.

EU muss aus Hochrisikotechnologie aussteigen

Anteil der Atomkraft am Strommix sinkt in vielen Ländern deutlich, Grafik: World Nuclear Report
Anteil der Atomkraft am Strommix sinkt in vielen Ländern deutlich, Grafik: World Nuclear Report

„Der Bericht zeigt, dass das Atomzeitalter zu Ende geht“, sagte die grüne Europapolitikerin Rebecca Harms. Die EU müsse nun „endgültig“ aus der teuren Hochrisikotechnologie aussteigen. „Anstatt 37 Milliarden Euro für den Bau zweier Atomreaktoren aufzubringen, sollte Großbritannien sich vom zukünftigen Milliardengrab Hinkley Point C verabschieden und auf Effizienz und Erneuerbare setzen“, so Harms. Das gleiche gelte für die Neubaupläne der ungarischen Regierung in Paks. „Milliardensubventionen für eine gefährliche Technologie von gestern sind nicht mehr gerechtfertigt.“ Die Grünen im EU-Parlament haben die diesjährige Ausgabe des World Nuclear Industry Status Report mitfinanziert.

Ja zum EU-weiten Ausstieg

Eine Umfrage von LichtBlick zeigt, dass auch die Mehrheit der Deutschen für einen EU-weiten Atomausstieg sind: 67 Prozent befürworten einen Ausstieg nach dem Vorbild Deutschlands. Sicher spielen bei der Entscheidung die Schlagzeilen über die Pannenreaktoren nahe der deutsch-französischen und deutsch-belgischen Grenze eine Rolle.

Der Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Medienpartners klimaretter zur Verfügung gestellt.


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