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Ab heute: Licht aus!

Wir leben über unsere Verhältnisse, das dokumentiert der Overshoot Day, Foto: Geralt, pixabay
Wir leben über unsere Verhältnisse, das dokumentiert der Overshoot Day, Foto: Geralt, pixabay

Seit gestern wird die Menschheit alle natürlichen und regenerierbaren Ressourcen verbraucht haben, die uns die Erde in diesem Jahr insgesamt zur Verfügung stellt. Das bedeutet: Ab sofort ist der Planet ökologisch im roten Bereich. Nach Berechnungen des Global Footprint Network bräuchte die Menschheit derzeit 1,5 Erden, um den Planeten nicht zu überlasten. Der „World Overshoot Day“, der „Tag der ökologischen Überschuldung“, kommt in diesem Jahr bereits zwölf Tage früher als noch 2007.  Der Overshoot Day ist jener Tag, an dem die Menschheit alles verbraucht hat, was eine sich selbst erhaltende Natur binnen zwölf Monaten liefern kann: Wasser, Brennmaterial, Bauholz, Getreide, Fische und Platz, um Müll zu entsorgen – auch solchen, der aus Schornsteinen und Auspuffen in die Atmosphäre geblasen wird.

Der Overshoot Day

Jedes Jahr berechnet das Global Footprint Network den Ökologischen Fußabdruck der Menschheit, das heißt den Bedarf an Acker- und Weideland, Wäldern und Fisch sowie den Platzbedarf für Infrastruktur. Dieser Bedarf wird der weltweiten biologischen Kapazität gegenübergestellt, also dem Vermögen der Ökosysteme, Ressourcen aufzubauen und Müll aufzunehmen. Über den ökologischen Fußabdruck kann der genaue Tag festgelegt werden, an dem die weltweite Gemeinschaft mehr verbraucht, als der Planet jedes Jahr produziert: der Tag der ökologischen Überschuldung, der Overshoot Day.

Jedes Jahr früher

Und jedes Jahr erschrecken die Wissenschaftler aufs Neue. 1987 lebte die Menschheit erstmals auf zu großem Fuß: Overshoot Day war der 19. Dezember. 1995 hatten die Menschen bereits am 21. November jene Ressourcen verbraucht, die eigentlich bis zum Jahresende reichen müssen. 2006 war es bereits der 9. Oktober. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete: „Die Welt rutschte am Montag ökologisch in den roten Bereich.“ Doch diese Botschaft ging in der täglichen Nachrichtenflut unter.

Weltwirtschaftskrise bremst Verbrauch

Dank der schwachen Weltwirtschaft bremste sich 2009 die fortschreitende ökologische Überschuldung der Welz ein bisschen ab. „World Overshoot Day“ war am 25. September. Wie gut sich die Weltwirtschaft wieder erholte, kann man auch daran erkennen, dass der „World Overshoot Day“ 2010 bereits über einen Monat früher registriert wurde: Am 21. August. Somit ist die einzige positive Botschaft des Global Footprint Network: Die Gier der Menschen ist nicht größer geworden. In diesem Jahr waren die Menschen gleich gierig wie 2010: Auch diesmal ist es der 21. August, an dem die Erde ökologische Insolvenz anmelden muss.

Will die Menschheit nicht wissen, wie es um ihren Planeten steht? Das Global Footprint Network wurde 2003 mit dem Ziel gegründet, eine nachhaltige Welt zu schaffen, in der allen Menschen binnen den ökologischen Grenzen des Planeten ein erfülltes Lebens offensteht. Die Berechnungsmethode für den Verbrauch entwickelte ein Wissenschaftsgremium aus Oakland, Kalifornien.

Genauere Daten, bessere Prognosen

Immer exakter wird der Befund, den die Wissenschaftler zu erstellen in der Lage sind. Immer exakter werden die Klimamodelle, immer leistungsfähiger die Computer, mit denen diese Modelle durchgerechnet werden. Die Wissenschaftler haben nicht nur ermittelt, was auf die Menschheit zukommt. Sie haben auch Vorschläge unterbreitet, wie der Ausstoß von Treibhausgasen vermindert werden kann. Sogar Kostenanalysen haben die Wissenschaftler vorgelegt, nach denen Klimaschutz heute viel billiger ist, als die Schäden von morgen. Und? Irgend etwas passiert?

Wir vernichten eigene Lebensgrundlage

„Wir leben ökologisch völlig über unsere Verhältnisse. Auf Dauer vernichten wir so unsere eigene Lebensgrundlagen“, warnt Jürgen Knirsch, Globalisierungs-Experte von Greenpeace. „Unsere Regierungen müssen begreifen, dass unser Umgang mit der Natur zum Kollaps führt. Bundeskanzlerin Angela Merkel muss endlich aufhören sich vor allem für die Interessen der klimaschädlichen Auto- und Kohleindustrie einzusetzen. Wir müssen die Nutzung unserer natürlichen Ressourcen auf ein für die Erde erträgliches Maß verringern.“

Wirtschaftsweise ändern

Würden alle Menschen auf der Welt so leben wie die Deutschen, würden selbst zwei Planeten nicht mehr ausreichen, um am Jahresanfang frische Ressourcen zur Verfügung haben. Den größten Anteil an der ökologischen Überschuldung hat das Treibhausgas Kohlendioxid. Wir stoßen davon deutlich mehr aus, als die Erde absorbieren kann. Global betrachtet machen die Kohlendioxid-Emissionen mehr als die Hälfte unseres Fußabdruckes aus. „Wir müssen unsere Wirtschaftsweise ändern, und die Politik muss endlich die Rahmenbedingungen dafür setzen“, so Knirsch. Werden Minderungsziele dagegen aufgeschoben, wie aktuell beim Kohlendioxid-Grenzwert von Pkw, wird unser ökologischer Fußabdruck weiter verschlechtert.

Die nachkommenden Generationen

„Verschwendung natürlicher Ressourcen bedroht das Kinderrecht auf gesunde Umwelt“, urteilt Christoph Bals, Chef von Germanwatch. Der steigende Bedarf an natürlichen Ressourcen münde in Raubbau an der Natur und zerstört damit die Lebensgrundlage der Menschen in Zukunft: Allein im Amazonasgebiet sei bereits ein Fünftel des Regenwaldes abgeholzt. Besonders arme Familien seien auf Nahrung aus der Natur angewiesen.

Bals: „Die Zerstörung der Umwelt beraubt sie und nachkommende Generationen ihrer Existenz. Deshalb fordern terre des hommes und Germanwatch die Wende zu einer nachhaltigen Wirtschafts- und Konsumorientierung, um die Lebenschancen zukünftiger Generationen zu sichern.“


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