MEINUNG & POSITION

32 Jahre danach – Jahrestag von Tschernobyl

Am 26. April 1986 ereignete sich der Super-GAU im Atomkraftwerk in Tschernobyl. Die Reaktor-Katastrophe forderte durch die Strahlung damals und bis heute viele Menschenleben. Das Gebiet rund um den Reaktor ist auch heute noch teilweise extrem radioaktiv-verseuchtes Gebiet, es dürfen dort keine Menschen leben. Tage und Wochen nach dem GAU zog eine radioaktive Wolke über Europa, auch über Deutschland. Es war der erste und bis lang zum Glück der einzige große atomare Unfall in Europa. Der zweite Super-GAU ereignete sich 2011 in Japan. Nach diesem Unfall wurde klar: die Wahrscheinlichkeit eines schwerwiegenden Unfalls wurde Jahrzehnte deutlich unterschätz. Heute gehen Experten davon aus, dass alle 10-20 Jahre ein Super-GAU passieren kann. Mit dem steigenden Alter der Anlagen kommt sicherlich noch ein weiteres unkalkulierbares Risiko hinzu – auch bei den noch verbleibenden deutschen Reaktoren.

Unmittelbar nach der Katastrophe

Ich war zum Zeitpunkt der Reaktor-Katastrophe sechs Jahre alt. Ich habe nicht wirklich Erinnerungen an das Ereignis. Sicher weiß ich nur, dass meine Eltern noch viele Jahre danach bestimmte Produkte, wie Pfifferlinge nicht gekauft haben. Die Ausmaße der Katastrophe wurden mir erst mit den Jahren immer bewusster. Und auch 32 Jahre nach dem GAU ist Tschernobyl – wenn auch meist nur zum Jahrestag – immer noch in den Medien präsent.

Bis heute haben die Menschen mit den Folgen der Raktor-Katastrophe von Tschernobyl zu kämpfen, Foto: lukaspawek, pixabay
Bis heute haben die Menschen mit den Folgen der Raktor-Katastrophe von Tschernobyl zu kämpfen, Foto: lukaspawek, pixabay

Bis heute ist Tschernobyl Sperrgebiet

Rund um den explodierten Reaktor, in der 30 Kilometer Sperrzone ist die Strahlenbelastung zum Teil immer noch sehr hoch. Das liegt an den hohen Mengen Cäsium, Strontium, Uran und Plutonium, die nach der Explosion freigesetzt wurden. Die Halbwertzeiten der Elemente sind extrem hoch – bis zu einigen Milliarden Jahre.

Dazu kommt, dass der sogenannte Sarkophag, der nach dem GAU in kürzester Zeit hochgezogen wurde, brüchig geworden ist. Die neue Schutzhülle „New Safe Confinement“ wurde zwar schon vor gut eineinhalb Jahren über die Reste des Reaktors gezogen, doch die komplette Fertigstellung dauert noch einige Zeit. Diese Schutzhülle soll dann gut 100 Jahre halten.

Erneuerbare sind die Zukunft

Wesentlich früher möchte die Ukraine auf erneuerbare Energien umsteigen. Bis 2050 will sich das Land zu 90 Prozent mit Energie aus Wind und Sonne versorgen. Sogar in der Nähe des Reaktors von Tschernobyl wurde ein Solarpark errichtet. Die Energie aus Erneuerbaren ist nicht nur sauberer und sicherer. Sie ist auch günstiger als Atomenergie – das hört die Atomlobby jedoch äußert ungern.

Wirkliche Interessen hinter AKW-Vorhaben

Nicht alle Ländern wollen auf Atomenergie verzichten - obwohl sie teurer und unsicherer als Erneuerbare sind, Foto: PantherMedia
Nicht alle Ländern wollen auf Atomenergie verzichten – obwohl sie teurer und unsicherer als Erneuerbare sind, Foto: PantherMedia

Nur eine Handvoll Länder weltweit setzen heute noch auf die Atomenergie – auch wenn die Unterstützer nicht müde werden die Klimafreundlichkeit der Atomkraft hervorzuheben. Sie ist im Vergleich zu den klimafreundlichen Erneuerbaren schlicht zu teuer und zu unflexibel.

Warum werden trotzdem in verschiedenen Ländern neue AKW gebaut? Die Gründe sind unterschiedlich. Der Wichtigste ist wahrscheinlich, dass die Expertise aus der zivilen Nutzung nötig ist, um die militärische Nutzung aufrecht zu erhalten – oder sich diese militärische Option zu erarbeiten. Der komplette Ausstieg aus der zivilen Nutzung wird wohl deshalb nur gelingen, wenn die Menschheit auch auf die militärische Nutzung von Atomwaffen verzichtet. Eine neue UN-Initiative zum Verbot von Atomwaffen (TPNW), welche seit September 2017 zur Unterzeichnung vorliegt, wurde von bereits 122 Staaten mit breiter Zustimmung von Seiten der UN-Generalversammlung unterzeichnet. Deutschland – wo weiterhin Atomwaffen aus den USA stationiert sind – ist noch nicht dabei. Ein Widerspruch zum Atomausstieg. Höchste Zeit auch hier Position zu beziehen.

Die Menschen und der GAU

Noch ein Buchtipp: Die Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat das Buch „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ geschrieben. Sie hat Interviews mit Betroffenen geführt, wie sie die Katastrophe erlebt haben und wie es ihnen Jahre nach dem Reaktorunfall geht. Auch wenn das Buch bereits vor 20 Jahren geschrieben wurde, ist es nach wie vor aktuell und sehr lesenswert.

 


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