LICHTBLICKER

Sabbatical: Auf Heimatwanderung

Ohne Erfahrung, aber mit viel Enthusiasmus wandere ich während meines Sabbaticals durch Deutschland und einige Nachbarländer. Mein Fazit: Es gibt keinen Grund, das Wandern zu verklären. Aber es ist eine lebendige und gesunde Art, Land und Leute kennenzulernen und einfach mal abzuschalten.

Seit einigen Jahren haben alle LichtBlicker die Möglichkeit, alle drei Jahre eine Auszeit von drei Monaten zu nehmen – großzügig unterstützt von unserem Arbeitgeber. Im vergangenen Sommer gönnte ich mir diesen Rückzug.

Blick von der Archenkanzel unterhalb des Watzmanns auf den Königssee
Majestätischer Ausblick: Von der Archenkanzel unterhalb des Watzmanns auf den Königssee, Foto: Ralph Kampwirth

Bei der Planung meines Sabbaticals denke ich nicht lange nach. Obwohl ich noch nie länger zu Fuß unterwegs war, ist meine Lust aufs Wandern groß – raus aus dem Büro, jeden Tag an der frischen Luft, den Kopf frei bekommen. Ich will nicht in die Ferne schweifen, denn ich kenne wenig von Deutschland. Also auf in die Heimat. Angeregt durch die Lektüre mehrerer Reiseberichte lege ich mir eine Tour durch einige der angeblich schönsten Wanderregionen in der Mitte und im Süden der Republik zurecht.

10 Kilo Gepäck, 15 bis 25 Kilometer am Tag

Dabei wandere ich meist fünf bis sechs Tage in einer Region, zwischen 15 und 25 Kilometern am Tag, pausiere für ein bis zwei Tage in Städten wie Trier, Basel oder Regensburg und reise mit dem Zug weiter – denn ich will vermeiden, unattraktive Strecken zu laufen. Ich picke mir die Rosinen heraus.

Mit 10 Kilo Gepäck breche ich Anfang Mai auf. Ich bin gespannt, aufgeregt wie beim Geschenke auspacken in Kindertagen. Was werde ich erleben? Welche Menschen treffen? Wird es mir langweilig? Schaffe ich auch anspruchsvolle Touren?

Durch Hunsrück-Wälder ohne erkennbaren Weg

Ich starte in der kleinen Stadt Kirn im Hunsrück auf dem Soonwaldsteig. Das ist eine gute Einstiegstour – wenige gemäßigte Auf- und Abstiege auf dem Rücken des Mittelgebirgszuges Soon, der am Rhein endet, herrliche Ausblicke auf die umgebende Landschaft. Manchmal führt der Weg mitten durch Wälder, ohne erkennbaren Weg, aber mit – typisch deutsch im besten Sinne – guter Ausschilderung.

Riesling und Brotzeit in einer Straußwirtschaft an der Mosel
Pause vom Wandern: Riesling und Brotzeit in einer Straußwirtschaft an der Mosel, Foto: Ralph Kampwirth

Meine erste Nacht verbringe ich in der Pension einer 82 Jahre alten Dame, die mir in wenigen Stunden ihr halbe Lebensgeschichte erzählt. Auch in den kommenden Wochen schlafe ich meist in Pensionen, manchmal in über Airbnb gebuchten Privatwohnungen und ab und an in Hotels – und höre viele Geschichten von meinen Gastgebern und anderen Gästen.

„Todesangst“ am steilsten Weinberg

Anspruchsvoller wird das Wandern auf dem Moselsteig. Der Calmont gilt als der steilste Weinberg Europas, der Aufstieg heißt wenig ermutigend „Todesangst“, Schilder warnen vor alpinen Herausforderungen. Zum Glück habe ich mir Stöcke besorgt, denn ich bin das Wandern in engen Kehren und an steilen Kanten bisher nicht gewohnt und zudem nicht schwindelfrei. Aber ich meistere diese erste Prüfung.

Der Moselsteig ist zu Recht ein „Geheimtipp“, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt. Die Symbiose aus Weinkultur, mäanderndem Fluss und waldreicher Natur gleicht einem Bilderbuch – vor allem an sonnigen Tagen. Mein Weg führt mich von Cochem bis nach Traben Trabach.

„Wein, Wasser und Wald – davon leben wir“

Endloose Wälder im Naturpark Pfalz
Deutsche Wildnis: Endlose Wälder im Naturpark Pfalz, Foto: Ralph Kampwirth

Am Wegesrand klagt mir ein Winzer sein Leid über den darbenden Weinbau. Tatsächlich liegen viele Weinberge brach, denn die Knochenarbeit lohnt sich kaum, wenn alle Welt 5-Euro-Weine verlangt. „Wein, Wasser und Wald, davon leben wir hier“, erklärt mit eine lächelnde Wirtin, während ich an einem heißen Tag im Garten ihrer Straußwirtschaft einen köstlichen Riesling genieße. Kurz zuvor wanderte ich durch ihren Weinberg.

In der Pfalz treffe ich einen Freund. Er begleitet mich für eine Woche auf dem Felsenland Sagenweg, der uns durch eine der waldreichsten Regionen der Republik führt. Und auf die zahlreichen Ruinen in Sandstein geschlagener Burgen, die überwältigende Ausblicke erlauben. Der Sagenweg schlängelt sich immer wieder über die Grenze in die französischen Vogesen. Ein zauberhafter Flecken Erde.

Liebliche Hochtäler, wilde Canyons

Naturschauspiel im Schwarzwald
Im Schwarzwald: Ein Moos-Wasserfall am Wegesrand, Foto: Ralph Kampwirth

Gestärkt durch die guten Gespräche trete ich meine nächste Route an – diesmal geht es auf dem Schluchtensteig quer durch den Schwarzwald. Hier erwische ich den einzig vollends verregneten Tag meiner Reise. In einer kleinen Holzhütte wechsle ich zwischendurch die Kleidung, weil alles trieft und tropft. Aber am Ende bin ich froh, auch diese Herausforderung gemeistert zu haben. Kleiner Lohn – unterwegs begegnet mir eine Gemse.

Der Schluchtensteig ist ein weiterer Höhepunkt. Liebliche Hochtäler, wilde Canyons wie die Wutachschlucht, Ausblicke bis auf die Alpen und kulturelle Überraschungen wie der mächtige, im Inneren elegante, marmor-weiße Dom im Schwarzwald-Örtchen St. Blasien.

Der Rheinfall: Ein tosendes Schauspiel

Mein Weg führt mich weiter vom Grenzort Stühlingen über den Randen zum imposanten Rheinfall nach Schaffhausen in der Schweiz und von dort entlang des stolzen Rheins zum Bodensee, dessen Ufer ich im nördlichen Verlauf folge. Auch hier werde ich für ein paar Tage von einem Freund begleitet – erneut eine willkommene Abwechslung. Eine weitere Woche laufe ich auf dem Altmühltal-Panoramaweg, dessen Höhepunkt der Donaudurchbruch mit dem verträumt am Ufer liegenden Kloster Weltenburg ist.

Imposant und geschichtsträchtig: Der Rheinfall in Schaffhausen
Imposant und geschichtsträchtig: Der Rheinfall in Schaffhausen, Foto: Ralph Kampwirth

Das letzte Drittel meiner Tour verbringe ich in den Alpen. Vom Königssee und Garmisch-Partenkirchen unternehme ich – diesmal mit kleinem Gepäck – Tagestouren, um mich an die alpinen Wanderungen heranzutasten.

Was, wenn ich mich verlaufe?

Einmal bin ich unvorsichtig, wandere allein auf der Kleinen Reibn oberhalb des Königsees. Eine Traumtour durch Schnee- und Geröllfelder, hinauf auf den 2300 Meter hohen Schneibstein, das Wetter herrlich – doch die Gegend so verlassen und der Weg (zumindest für mich) so anspruchsvoll, dass ich mir Sorgen mache: Was, wenn ich mich verlaufe? Mir einen Fuß verknackse? Kein Handyempfang, keine Menschenseele. Streckenweise benötige ich viel mehr Zeit, als geplant. Erreiche ich mein Ziel vor Einbruch der Dunkelheit?

So kann ich diese Tour mit ihren majestätischen Ausblicken auf die deutschen, österreichischen und italienischen Alpen leider nur zeitweise genießen. Ich entspanne mich erst wieder, als ich am glasklaren Seeleinsee nicht nur Murmeltiere, sondern auch einige Wanderer erblicke, die im eisigen Gletscherwasser baden. Meine Lehre: Solche Wege gehe ich als Wander-Novize künftig nicht mehr allein.

Die Alpen halten zu viele eindrucksvolle Touren bereit, als dass ich sie hier alle aufzählen könnte – der traumhaufte Ausblick von der Archenkanzel auf den stillen Königssee, ein eiskaltes Bad im Eibsee unterhalb der Zugspitze, der Aufstieg durch die wilde Höllentalklamm zur wunderbar gelegenen Höllentalangerhütte…

Auf dem E5 vom Kleinwalsertal nach Südtirol

Aufstieg zum Pitztaler Jöchl in Tirol - auf fast 3000 Meter
Aufstieg zum Pitztaler Jöchl in Tirol – auf fast 3000 Meter, Foto: Ralph Kampwirth

Zum Abschluss meiner Tour reisen meine beiden Söhne Julian und Niklas nach. Gemeinsam schließen wir uns einer geführten Tour von Hirschegg im Kleinwalsertal bis nach Meran an – auf dem E5, der beliebtesten Alpenquerung. Diese sechs Tage sind ohne Zweifel der Höhepunkt meiner zweimonatigen Tour.

Mittlerweile bin ich gut trainiert, wenn auch noch immer nicht schwindelfrei. Aber unsere freundlichen Bergführer Matthias und Markus leiten uns kompetent an, wenn es über rutschige, steil abfallende Schneefelder oder in Kletterpartien hinauf auf 3000 Meter hohe Gipfel wie das Pitztaler Jöchl in Tirol geht.

Das Wandern in einer Gruppe aus rücksichtsvollen und interessierten Menschen macht Spaß. Die Berghütten locken mit imposanten Ausblicken und deftigen Mahlzeiten, die Nächte in den großen Schlafsälen sind mit Ohrstöpseln immerhin halbwegs erholsam.

Viel Zeit – was für eine Gelegenheit!

Am Ziel: Vernagt in Südtirol, oberhalb von Meran
Am Ziel: Vernagt in Südtirol, oberhalb von Meran, Foto: Ralph Kampwirth

So endet meine zweimonatige Tour Anfang Juli im sommerlich heißen Meran. Die Bewegung, die frische Luft, die Zeit zum Nachdenken und die vielen anregenden Gespräche haben gut getan. Für Zeiten allzugroßer Langeweile und zur Anregung hatte ich übrigens einige Hörbücher auf mein Smartphone gespielt, denen ich von Zeit zu Zeit wandernd lauschte. Und ich hatte ein anregendes Büchlein mit philosophischen Fragen im Gepäck, über die ich nachdenken konnte. Denn Zeit hatte ich ja genug. Was für eine Gelegenheit!


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2 Kommentare

  • PatrWink sagt:

    Die Idee ist auf jeden Fall richtig gut. Aber heißt das denn dann, du bist ein ganzes Jahr immer quasi durchgehend unterwegs? Und dann eben immer woanders?
    Übernachtest du denn dann im Hotel oder im Zelt?


    • Ralph Kampwirth sagt:

      Ich hab mal in Pensionen, mal in kleinen Hotels, mal in Berghütten und manchmal privat über Airbnb übernachtet. Und den Hotel-Werbelink in Ihrem Kommentar hab ich gelöscht, das entspricht nicht unseren Blog-Spielregeln 😉


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