LICHTBLICKER

Liebe Erde…

Carlos Zorilla von der LichtBlick-Partnerorganisation DECOIN in Ecuador, Foto: GEO schützt den Regenwald e.V.
Carlos Zorilla von der LichtBlick-Partnerorganisation DECOIN in Ecuador, Foto: GEO schützt den Regenwald e.V.

Die an Schätzen reiche Natur in Ecuador ist bedroht. Seit vielen Jahren kämpfen Umweltschützer gegen den Raubbau – auch im LichtBlick-Projektgebiet in der Intag-Region. In seinem bewegenden „Brief an die Erde“ prangert Carlos Zorrilla Ignoranz, Habgier und Raubbau an. Zorilla ist Leiter von DECOIN, der Partnerorganisation von „GEO schützt den Regenwald“ und LichtBlick. Wir dokumentieren den vollständigen Brief von Carlos im LichtBlickBlog.

Liebe Erde,
erst einmal bitte ich dich aufrichtig um Entschuldigung. Seit Jahrzehnten wissen wir, wie viel Schaden wir Dir und all Deinen Ökosystemen zufügen, und noch immer machen wir weiter als wäre alles in Ordnung.Erde

Falsche Denkmuster diktieren, dass Wachstum wichtiger ist als Mensch und Umwelt

Tagtäglich werden mehr von uns geboren und werden mit den falschen Voraussetzungen und Werten geimpft, die Dir so viel ökologische Verwüstung gebracht haben, und Deinen menschlichen und nicht-menschlichen Bewohnern so viel Leid. Zu diesen falschen Annahmen gehören: Mehr ist besser, neu ist super, Menschen sind die Krone der Schöpfung, Wälder sind nur Kubikmeter Nutzholz, Deine Ozeane sind Müllschlucker und die Fische sind allein da, um die Menschheit zu ernähren.

Dieses falsche Denkmuster diktiert, dass wirtschaftliches Wachstum wichtiger ist als die Gesundheit der Menschen und der Umwelt, nichts ist wichtiger als der Profit und über Arm oder Reich entscheidet einzig und allein das Bruttosozialprodukt. Die gefährlichste Annahme dieses Denkmusters, die nicht totzukriegen ist, besagt, dass Deine Elemente nur dazu da sind, in Güter verwandelt zu werden, zugunsten einer einzigen Art: Homo sapiens. Der, nebenbei bemerkt, noch immer annimmt, seine Art sei gesegnet mit einzigartigen Privilegien, übereignet von einer übernatürlichen Instanz, die ihm alle Deine lebendigen und nicht-lebendigen Teile zur alleinigen Verfügung überlassen hat. Ja, mir ist klar, dass der Name Homo sapiens, „Weiser Mensch“, völlig absurd ist. Oft wünsche ich mir, ich hätte mit ihm nichts zu tun.  Doch dieser falsche Name existiert weiter und die Art zu ändern ist verdammt schwierig.

Der Name „Homo sapiens“ – weiser Mensch – ist völlig absurd

In dem Land der Wälder und Wolken in dem ich lebe, das Politiker und Geografen Ecuador nennen, ist die Lage kein bisschen besser als irgendwo sonst auf deiner Oberfläche. Beispielsweise bemüht sich unser Staatsoberhaupt nach Kräften großflächigen Bergbau voranzutreiben, in diesem Land, das mit einer unglaublichen biologischen und kulturellen Vielfalt gesegnet ist, und so reich ist an Wasser! Du wirst es womöglich nicht glauben, doch dieser vermeintlich „Weise Mensch“ möchte mitten im Bergnebelwald, im Tieflandregenwald und im Paramo Erze schürfen! Und wenn es technisch möglich wäre, würde er selbst auf dem Meeresgrund noch danach schürfen! Dieser Mensch, von dem man annehmen sollte, dass er mehr Verstand hat als andere, drängt darauf, in Regionen Erze zu schürfen, die so reich sind an Bächen und Flüssen, dass die Bergbaufirmen nicht wissen, was sie mit all dem Wasser anfangen sollen. Der Bergbau wird die Bäche und Flüsse genauso wie die Grundwasser führenden Erdschichten durch Säure und giftige Schwermetalle so verunreinigen, dass sie für immer untauglich für das Leben sein werden. Ja, für immer und ewig! Und, wenn das nicht schlimm genug ist: Viele dieser Bäche und Flüsse liefern Tausenden Menschen Wasser zum Trinken, Wasser zur Bewässerung der Felder, zum Fischen und für die Erholung. Dies sind alles Tatsachen. Ich erzähle keine Lügen, versprochen!

Sie lieben das schnelle, leichte Geld, das der Bergbau in die Staatskassen spülen kann

Wissen sie, was sie da tun? Ja, zweifellos. Warum, fragst Du? Die Antwort liegt klar auf der Hand, sie lautet: Dummheit aus Habgier. Falsche Leitlinien im Leben. Sie lieben das schnelle, leichte Geld, das der Bergbau in die Staatskassen spülen kann. Nach all den Jahrhunderten glauben sie noch immer, dass Entwicklung gleichbedeutend ist mit Wohlstand; mit guten Straßen, ausuferndem Konsum, dem Besitz von Autos, mit Krankenhäusern, mit gut bezahlten Jobs und Computern in jedem Haushalt. Und mit immer größeren Häusern, um sie mit immer mehr und immer neueren Besitztümern zu füllen. Der Mensch, der hier in Ecuador Präsident genannt wird, glaubt, er könne die Armut abschaffen, indem er dutzende, vielleicht hunderte, großflächige Minen in den Anden genehmigt – in einer der wunderbarsten Regionen auf Deiner Oberfläche. Von welcher Armut spricht er, wirst du vielleicht fragen? Nur von wirtschaftlicher! Hinzu kommt, dass die Armut in den Ländern weiter ansteigt.

Nicht Fortschritt, sondern Vernichtung

Bei den Anstrengungen die Wirtschaft voranzubringen, ziehst du den Kürzeren. Und zwar gewaltig. Menschen wie dieser haben kein Problem damit, wegen einiger Pfund Gold, Tonnen von Kupfer oder Kohle ganze Bergketten zu zerstören, um damit die Industrie –wohlgemerkt die in anderen Teilen der Welt – für einige Tage oder Wochen zu versorgen. Einzigartige Nebelwälder mit unglaublicher Vielfalt an Leben werden im Handumdrehen in Tagebau-Alpträume verwandelt, aus denen für Tausende von Jahren die Schwermetalle bluten. Die Menschen, deren Denkweise er vertritt, tragischerweise ist es die große Masse, würden die gesundheitlichen und kulturellen Auswirkungen, die sozialen Folgen und die Umweltverwüstung, die der Bergbau verursacht, als „unvermeidlichen Preis des Fortschritts“ bezeichnen. Doch jene Lebewesen, die vor Ort existieren, haben hierfür eine andere Bezeichnung: Vernichtung. Das alles passiert hier in diesem Land Ecuador, es ist jedoch praktisch überall gleich. Auch, wenn es Dir nicht wirklich hilft, ich entschuldige mich dafür. Gleichzeitig möchte ich, dass Du weißt, dass nicht alles düster und hoffnungslos ist. Viele, viele Menschen arbeiten hart daran, dass man anders mit Dir umgeht. Heute beispielsweise feiert vielleicht eine Milliarde Menschen deinen Tag, den Tag der Erde. Es wird Feste geben, Bäume werden gepflanzt, Flüsse gesäubert; mit Musik, Puppentheater, Film Festivals und vielem anderen werden Menschen deinen Geburtstag feiern. Um ihre Dankbarkeit auszudrücken; um ihrer Angst über den Zustand der Erde Ausdruck zu verleihen; um klarzustellen wie die Dinge sein sollten. Um lautstark für Veränderung einzutreten.

Zweifellos sind die Dinge dabei, sich zu ändern

Und zweifellos sind die Dinge dabei, sich zu ändern, wenn auch das Tempo viel zu langsam erscheint. Speziell in unserer Ecke von Dir, hat die kleine Organisation für die ich arbeite, Zehntausende Bäume gepflanzt, zumeist einheimische Arten. Wir arbeiten mit Gemeinden und Bezirksregierungen, um so viele Bäche, Flüsse und Regenwälder zu schützen, wie irgend möglich, und auch die Tausenden von Arten, die dort ihr Zuhause haben. Wir haben mitgeholfen nicht weniger als 12 000 Hektar Wald zu schützen. Mir ist klar, dass dies nicht viel ist im Vergleich zu dem, was jeden Tag verloren geht. Aber mehr konnten wir mit dem, was wir zur Verfügung haben, nicht erreichen. Wir setzen uns vehement gegen Bergbauprojekte ein, die tausende Hektar Primärwälder vernichten würden, Flüsse und Gemeinden in der wunderschönen Gebirgsregion von Toisan. DECOIN arbeitet sehr hart daran, die Lügen von Regierungen und Industrieunternehmen, wie die der chilenischen CODELCO, zu entlarven; um Gemeinden und Bezirksregierungen die Folgen und die Kosten von Bergbau in solch wasserreichen Gegenden klar zu machen. Und, da es zahllose Lügen gibt, nimmt das viel Zeit in Anspruch.

Gerade haben wir auch unsere Arbeit in den Schulen wieder aufgenommen, damit junge Menschen ihren wahren Platz in der Natur begreifen, damit sie herausfinden, was sie tun können, um an Lösungen für die alptraumhafte, Dich bedrohende  Umweltzerstörung, mitzuwirken.

Wir sind das erste Land weltweit, das anerkennt, dass auch die Natur Rechte hat!

Unser wichtigstes Ziel ist das Verhalten der Menschen Dir gegenüber zu ändern. Um dies Wirklichkeit werden zu lassen, gibt es hier in Ecuador eine wichtige Schrift und Werte – zumindest auf dem Papier: das Recht auf „Sumak Kawsay“, was sich übersetzen lässt mit „Leben in Harmonie“, in Harmonie mit sich selbst, mit den Nachbarn, mit der Familie, mit der Gemeinde und ganz besonders, in Harmonie mit Dir. Es ist unglaublich, das gleiche Dokument gibt auch DIR Rechte; wir sind das erste Land weltweit, das anerkennt, dass auch die Natur Rechte hat! Wenn nicht nur sehr wenige Menschen – und am wenigsten Regierungsmitglieder – dieses Recht ernst nehmen würden, wäre dies ein Anlass groß zu feiern.

Dir ist vermutlich klar, wie schwierig es ist, gegen diesen rauschenden Fluss anzuschwimmen, den das Entwicklungsmodell darstellt, und sich gegen die Interessen zu stellen, die dahinter stehen. Es ist schwierig, da das wirtschaftliche System sehr, sehr stark ist, da die Politiker buckeln vor den wirtschaftlichen Interessen und extrem kurzfristig denken. Noch dazu investieren Unternehmen Millionen, damit die Leute ihre Produkte konsumieren und, um ihr Image aufzupolieren. Und trotz allem, was dagegen spricht, kommt die Nachricht bei immer mehr Menschen an; sie ändern ihr Leben. Und außer uns gibt es noch viele andere Gruppen und Einzelkämpfer, die wirklich versuchen etwas zu ändern; und die damit Erfolg haben.

So klein diese Aktionen auch sein mögen, ich hoffe inständig, dass diese Neuigkeiten Dir Mut machen.
Und eines hätte ich fast vergessen: Meine Partnerin und ich haben unsere wundervolle, vor kurzem geborene Tochter nach dir benannt: Mares Gaia!
Herzlichen Glückwunsch!

Carlos Zorrilla
Intag, Ecuador
Tag der Erde, 2012

Diesen Brief hat Carlos Zorrilla bereits am 22. April 2012, dem „Tag der Erde“, verfasst. Die Übersetzung von Eva Danulat – Geschäftsführerin von „Geo schützt den Regenwald“ – erreichte uns in diesen Tagen.


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2 Kommentare

  • Iris Gies sagt:

    Der Brief an die Erde von Carlos Zorilla hat mich mitten in mein Herz getroffen… Ich hoffe, dass er von vielen Menschen gelesen wird und zum nachdenken anregt. Es ist Zeit etwas zu ändern. Für unsere Erde ist es kurz vor 12. Wir sollten alle gemeinsam überlegen, wie wir unsere Erde langfristig für unsere Nachkommen lebenswert halten und auch wieder machen.
    Iris Gies


  • Sigwart Zeidler sagt:

    Wirklich bewegende und wunderschöne Worte. Die angesprochene Schrift, welche das Recht auf „Sumak Kawsay“ formuliert, sollte auch hier veröffentlicht werden. Das „Leben in Harmonie“, in Harmonie mit sich selbst, mit den Nachbarn, mit der Familie, mit der Gemeinde und mit der Natur scheint mir das Entscheidende zu sein. Die Harmonie mit sich selbst ist dabei Voraussetzung für alles Weitere, insbesondere auch dafür, sich nicht von Lügen beeinflussen und verführen zu lassen, Lügen überhaupt erst als solche zu erkennen. Erst, wenn wir in Harmonie mit uns selbst sind, können wir die Harmonie mit allem Anderen erreichen. Letztlich ist die Disharmonie mit der Natur nur die Folge der Disharmonie mit uns selbst, Also zeigen wir nicht mehr mit dem Finger auf „die Konzerne“, „die Politiker“, „die Banker“ usw, sondern fragen uns jeder selbst: „Wie sieht es mit meinem Leben, mit mir selbst aus? Wie und wo bin ich nicht in Harmonie mit mir selbst?“ Und dann, wenn ich die Harmonie in mir selbst gefunden habe, bin ich automatisch in Harmonie mit dem Ganzen und kann liebevoll und ohne Vorwürfe daran gehen, anderen zu helfen, ihre Harmonie zu finden.

    Sigwart Zeidler


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