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Sackgasse Kohle – Warum Kohlenutzung keine Zukunft hat

Am 23. August kam die Kohlekommission erneut zu einer Sitzung zusammen. Und die Zeiten sind gerade extrem angespannt: Im Hambacher Forst soll die Rodung weiterer Bäume beginnen, obwohl die Zukunft der Kohle offen ist. Der wirtschaftsnahe Verband BDEW mahnt, dass mit einem Kohleausstieg die Stromversorgung gefährdet ist und die Energiekonzerne listen die hohen Kosten auf, die ein Ausstieg verursachen würde.

Zeit mal einen Blick aus der Vogelperspektive auf alle relevanten Themen rund um die Kohledebatte zu werfen. In sechs Thesen haben wir von LichtBlick und der WWF herausgearbeitet, warum wir jetzt einen Ausstieg brauchen und warum es klappen kann.

These 1: Ohne Kohleausstieg keine Energiewende

Noch immer erzeugen Kohlekraftwerke in Deutschland rund 40 Prozent des Stroms. Zwar geht die Anzahl der Kraftwerke langsam zurück. Doch das Festhalten an der Kohleverstromung bei zugleich weiterem Ausbau der erneuerbaren Energien hat kontraproduktive Folgen. Denn Kohlestrom „verstopft“ zunehmend die Stromnetze für Wind- und PV-Strom. Erneuerbare-Energien-Anlagen bleiben deshalb zeitweise außer Betrieb, obwohl der Wind weht oder die Sonne scheint.

Alles öko in Deutschland? Leider ist der Kohle-Anteil beim Stromverbrauch immer noch sehr hoch, Grafik: LichtBlick/WWF
Alles öko in Deutschland? Leider ist der Kohle-Anteil beim Stromverbrauch immer noch sehr hoch, Grafik: LichtBlick/WWF

These 2: Ein Kohleland kann nicht international Vorreiter der Energiewende sein

Mit einer Kraftwerksleistung von etwa 49 Gigawatt und 31 Prozent der insgesamt in Europa installierten Kraftwerksleistung führt Deutschland die EU-Rangliste der Kohlekraftwerkbetreiber mit großem Abstand an. Auch bei den energiebedingten CO2-Emissionen pro Kopf ist Deutschland mit 9,6 Tonnen pro Jahr in der Spitzengruppe der Klimasünder, weit vor dem Durchschnitt aller EU-Länder mit 6,9 Tonnen pro Kopf und Jahr.

Deutschland zehrt im Ausland weiter vom Image eines Klimaschutz-Vorreiters, obwohl die Zweifel wachsen. Hauptverantwortlich für die zunehmenden Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Energiewende ist das über viele Jahre andauernde Festhalten an der Kohleverstromung.

These 3: Kohle ist nicht billig

Für Braun- und Steinkohle hat die Bundesregierung in den vergangenen rund 60 Jahren Fördermittel in jeweils dreistelliger Milliardenhöhe ausgegeben. Doch diese Gelder beziehen sich nur auf die direkte Förderung. Hinzu kommen sogenannte gesellschaftliche oder externe Kosten. Dazu gehören Energiesteuervergünstigungen, die Sanierung der ehemaligen Tagebaue, die Förderung für die Umsiedlung von Dörfern inklusive deren Infrastruktur, Umweltkosten, die „stille“ Reserve und so weiter und so weiter. Es sind etliche Milliarden Euro allein an Umweltkosten, die jedes Jahr aufgrund der Kohlekraftwerke entstehen.

These 4: Kohle gefährdet die Gesundheit

In Europa sterben nach neueren Untersuchungen jedes Jahr fast 23.000 Menschen vorzeitig an den giftigen Abgasen von Kohlekraftwerken, fast so viele wie durch Unfälle im Straßenverkehr. Die Europäische Kommission verschärfte im Sommer 2017 die Schadstoffgrenzwerte für Stickoxide, Schwefeldioxid, Feinstaub und Quecksilber. Die große Mehrzahl der deutschen Braunkohlekraftwerke verfehlt jedoch die neuen Grenzwerte. Um sie einzuhalten, müssten technische Nachrüstungen vorgenommen werden. Allerdings hat es die Bundesregierung bis August 2018 versäumt, die neue EU-Verordnung in nationales Recht umzusetzen.

These 5: Kohle wird für eine sichere Stromversorgung immer weniger gebraucht

Allen Prognosen zum Trotz: Der Anteil an Wind- und Sonnenenergie ist in Deutschland stetig gewachsen, doch es kam nicht zu immer mehr Unterbrechungen der Stromversorgung und auch nicht zum großen Blackout. Im Gegenteil: Trotz immer höherer Solar- und Windenergie-Einspeisungen ins Stromnetz, verringerte sich die durchschnittliche jährliche Stromausfalldauer. In den vergangenen Jahren fiel der Strom im Durchschnitt für 12 bis 13 Minuten aus. Der Wert ist seit 2006 deutlich gefallen. Damals waren es noch 21,5 Minuten und der Anteil der erneuerbaren Energien lag bei gerade mal 11,3 Prozent. Bis 2017 hat er sich auf 33,3 Prozent verdreifacht.

These 6: Weiteres Zuwarten beim Kohleausstieg erschwert den sozialverträglichen Strukturwandel

Der Ausstieg aus der Kohle muss sozialverträglich sein. Doch die Zahl der Beschäftigten ist bereits seit Jahren rückläufig, Grafik: LichtBlick/WWF
Der Ausstieg aus der Kohle muss sozialverträglich sein. Doch die Zahl der Beschäftigten ist bereits seit Jahren rückläufig, Grafik: LichtBlick/WWF

Strukturwandel ist im gesellschaftlichen Prozess die Regel, nicht die Ausnahme. Aktuell diskutieren wir ihn in Deutschland zum Beispiel im Zusammenhang mit den zu erwartenden Umbrüchen in der Automobilbranche oder mit der Digitalisierung. Bundesweit liegt die Zahl der direkt in der Braunkohlewirtschaft Beschäftigten im Jahr 2018 deutlich unter 20.000 und damit selbst in den betroffenen Bundesländern Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt im Promillebereich aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Bei einem geschickt gesteuerten Kohleausstieg zum Beispiel bis 2035 können etwa zwei Drittel der Beschäftigten regulär in den Ruhestand entlassen werden. Und: Der Übergang in das Energiesystem für das 21. Jahrhundert muss Hand in Hand gehen mit einem Strukturwandel in den betroffenen Regionen.

Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, sei der Kohlereport ans Herz gelegt. Mit 52 Seiten ist der zwar nicht mal eben durchgelesen, aber der Report bündelt umfassend alle relevanten Argumente zum Kohleausstieg.

 

LichtBlick und der WWF sind überzeugt, dass der rasche Umstieg von fossil-nuklearen auf erneuerbare Energien in den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr die zentrale Voraussetzung für Klimaschutz, eine risikoarme Energieversorgung und die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in den kommenden Dekaden ist. Wir wollen unsere Kräfte bündeln und gemeinsam die Energiewende beschleunigen. Weitere Informationen und mehr Energiewende-Zeugen finden Sie auf unserer gemeinsamen Webseite.


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