LICHTBLICKER

„Im ecuadorianischen Nebelwald ist alles Leben“

Im Gespräch mit Carlos Zorrilla, Koordinator  des Regenwaldprojekts in Ecuador

Carlos Zorrilla vor der LichtBlick-Zentrale, Foto LichtBlick
Carlos Zorrilla vor der LichtBlick-Zentrale, Foto LichtBlick

Carlos Zorrilla koordiniert in Ecuador das LichtBlick-Regenwaldprojekt. Diese Woche hat er uns erstmalig in Deutschland besucht und uns dabei einen spannenden Einblick in die Welt des ecuadorianischen Regenwaldes, in das Projekt und die Situation vor Ort gegeben. Der gebürtige Kubaner lebt bereits seit 30 Jahren in der Intag-Region, die sich mitten in den ecuadorianischen Nebelwäldern befindet. Vor gut 15 Jahren hat er hier die örtliche Umweltschutzorganisation DECOIN mitgegründet, die LichtBlick seit fünf Jahren gemeinsam mit „Geo schützt den Regenwald e.V.“ unterstützt. Ich hatte die Gelegenheit, mit Carlos Zorrilla über die Situation vor Ort zu sprechen.

Die Intag-Region

Katinka Königstein: „Carlos, warum muss die Intag-Region unbedingt geschützt werden?“

Carlos Zorrilla: „Auf der Erde gibt es bestimmte Zonen, in denen die biologische Vielfalt ganz besonders hoch ist – die so genannten Hotspots der Artenvielfalt. Heute existieren weltweit noch 34 dieser Hotspots, die übrigens nur 2,3 Prozent der globalen Landfläche ausmachen. Auf dieser im  Verhältnis geringen Fläche, leben drei Viertel aller bedrohten Säugetiere, Vögel und Amphibien und etwa die Hälfte der weltweiten Pflanzenarten. Das Regenwaldgebiet in den ecuadorianischen Hochanden, das LichtBlick, „Geo schützt den Regenwald e.V.“ und DECOIN gemeinsam schützen, befindet sich in dem Hotspot mit der weltweit höchsten Artenvielfalt.“

Katinka Königstein: „Du lebst bereits seit 30 Jahren im ecuadorianischen Regenwald. Kannst Du uns die Natur beschreiben?“

Carlos Zorrilla: „In den Regenwäldern im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Ecuador und  fallen zehn Meter Niederschlag pro Jahr, die Luftfeuchtigkeit ist also extrem hoch. Durch dieses besonders feucht-tropische Klima ist einfach alles Leben. Ich bin mir sicher, dass die Pflanzen dank des fruchtbaren Klimas irgendwann auch auf meinem eigenen Körper zu wachsen beginnen (er lacht). Aber im Ernst: wir sind dort sehr reich. Meinen Garten besuchen regelmäßig Vogelarten, die so selten sind, dass Menschen viel Geld dafür zahlen würden, sie nur einmal zu Gesicht zu bekommen. In der Region gibt es allein 4200 Orchideenarten – einige von ihnen wachsen nur hier – und 26 Kolibriarten. Es ist ein wahres Paradies, das unbedingt bewahrt werden muss.“

Katinka Königstein: „Was sind denn die größten Gefahren, denen der Regenwald und seine Bewohner ausgesetzt sind?“

Carlos Zorrilla: „Die ecuadorianischen Nebelwälder sind zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Die beiden größten davon sind der Abbau von Kupfer und die Folgen des Klimawandels.
Die Erde der Intag-Region birgt eines der größten noch nicht ausgehobenen Kupfervorkommen der Welt. Bislang konnte DEOIN  in diesem Gebiet die Rodung von über 1000 Hektar Regenwald verhindern. Käme es zum Abbau von Kupfer in der Region, wäre dies ein absolutes Desaster für die Umwelt, das Klima und die Bevölkerung. Darüber hinaus leidet die Pflanzen- und Tierwelt bereits heute massiv unter den Auswirkungen des Klimawandels. In den letzten Jahren ist es hier, wie weltweit, zu einem spürbaren Anstieg der Temperatur gekommen, weshalb viele Pflanzen nur noch in höheren – und damit kühleren – Lagen existieren können. Dies hat zur Folge, dass für zahlreiche an geringere Höhe angepasste  Amphibien die Lebensgrundlage bereits heute zerstört ist.
Daneben bedrohen Kahlschlag, Brandrodungen, Straßen- und Siedlungsbau die verbleibenden Reste des Bergregenwaldes.“

Der Schutz des Regenwaldes

Katinka Königstein: „Wie fördert DECOIN mit Unterstützung von „Geo schützt den Regenwald“ und LichtBlick eine nachhaltige Entwicklung in der Region?“

Carlos Zorrilla: „Wir gehen hier mehrgleisig vor, was meiner Ansicht nach der Grund für den großen Erfolg des Projekts ist. Zum einen erwerben wir Waldflächen aus privater Hand, die dann durch die beteiligten Gemeinden unter Schutz gestellt werden. Für uns ist es sehr wichtig, dass die Gemeinden sich aktiv an jeder einzelnen Projektphase beteiligen. So entscheiden die Intag-Bewohner über alle Aktivitäten selbst, verwalten die Schutzgebiete eigenverantwortlich und profitieren auch vom wirtschaftlichen Erfolg weiterer Maßnahmen, etwa der Entwicklung von Kleingewerbe und nachhaltigem Tourismus. Für einen langfristigen Erfolg setzen wir in hohem Maße auf Umwelterziehung und Wissensvermittlung. Wir fördern unter anderem das Umweltbewusstsein an Schulen und wenden uns über den regionalen Radiosender und durch Vortragsveranstaltungen an die Bevölkerung vor Ort. Nur wenn die Menschen vor Ort verstehen, warum und wie sie eine nachhaltige Entwicklung fördern und wirtschaftlich davon profitieren können, kann der Regenwald langfristig geschützt werden.“

Katinka Königstein: „Wie erwerbt ihr die  Regenwaldfllächen und mit welchen Problemen werdet ihr hier konfrontiert?“

Carlos Zorrilla: „Häufig müssen wir zuallererst einmal klären, wem das Land, das wir kaufen und damit schützen wollen, überhaupt gehört. Sobald wir den Besitzer ausfindig gemacht haben, sind wir nicht selten mit einem weiteren Problem konfrontiert: Viele Landbesitzer haben gar keine Besitzurkunde für ihr Land. Diese muss dann erst einmal beantragt werden. In einem weiteren Schritt vermessen wir das meist schwer zugängliche Land, der Kaufpreis wird vereinbart und der Vertrag geschlossen. Manchmal nimmt dieser ganze Prozess nur eine Woche, häufig aber bis zu drei Monaten oder mehr in Anspruch.“

Katinka Königstein: „Wie kann gewährleistet werden, dass die erworbenen Flächen tatsächlich langfristig unter Schutz stehen?“

Carlos Zorrilla: „Beim Landkauf wird im Vertrag festgeschrieben, dass die Regenwaldflächen als solche erhalten werden müssen und nur für touristische Zwecke genutzt werden dürfen. Darüber hinaus setzen wir sehr erfolgreich auf die Arbeit mit den einzelnen Gemeinden. Die Gemeinden in der Region setzen sich sehr für unser Projekt ein. Die Gemeindemitglieder achten mit darauf, dass die erworbenen Flächen tatsächlich geschützt werden. Gleichzeitig helfen wir ihnen bei der Entwicklung von Projekten zur Verbesserung des Einkommens – unter anderem durch die Errichtung von zwei Forellenhaltungen, einer Baumschule und Aktivitäten im Bereich nachhaltiger Tourismus, dass sich der Schutz des Waldes und eine wirtschaftliche Entwicklung ergänzen.“

Die Zukunftsvision

Katinka Königstein: „Carlos, was ist deine Zukunftsvision, was möchtest Du mit DECOIN und LichtBlick in den nächsten Jahren erreichen?“

Carlos Zorrilla: „Oje, wie viel Stunden hast Du Zeit (er lacht). Ich denke, insgesamt sind wir auf einem guten Weg. Diesen Weg möchte ich weiter gehen. Je mehr Kunden LichtBlick hat, je größer wird die Fläche, die wir schützen. So können wir immer mehr Pflanzenarten und Tiere schützen. Gleichzeitig tragen unsere Bemühungen im Bereich Umwelterziehung und Wissensvermittlung bereits Früchte. Die Intag-Bewohner sind sehr engagiert und die Mehrheit hat ein starkes Bedürfnis, ihren eigenen Lebensraum und den ihrer Kinder zu schützen. Ich wünsche mir, dass unsere Projekte, wie zum Beispiel der nachhaltige Tourismus in Zukunft noch weiter ausgebaut werden. Bergbau und Klimawandel bleiben ernste Bedrohungen. Darum wünsche ich mir darüber hinaus weltweit mehr Engagement für den Klimaschutz und den Regenwald, denn es ist unerlässlich, dass wir hier global und gemeinsam aktiv werden.“

Katinka Königstein: „Lieber Carlos, ich bedanke mich für das Gespräch!“


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2 Kommentare

  • Katinka Königstein sagt:

    Lieber Herr Hartmann,

    die Projekte im Bereich nachhaltigen Tourismus werden von der ortsansässigen Organisation DECOIN koordiniert, deren Mitbegründer Carlos Zorrilla ist. Weitere Informationen und die Kontaktdaten von DECOIN finden Sie hier: http://www.decoin.org.

    Schöne Grüße
    Katinka Königstein


  • Michael Hartmann sagt:

    Hallo Frau Königstein,

    kann man in der Gegend auch jetzt schon Urlaub machen und auch wenn man kein Mitglied der Umweltschutzorganisationen ist?
    Falls ja, gibt es da auch Hotels oder muss man da sein Zelt mitbringen?
    Nur zu groß sollten die Touristenanlagen auch wieder nicht werden, damit noch genug Natur übrig bleibt.

    Ich bin zwar nicht so der Safari-Reise-Typ aber mich hat Ihr Bericht doch schon interessiert.

    Viele Grüße

    Michael Hartmann


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