LICHTBLICKER

Fremde Bienen für die Intag-Region

Neue Bienen im Regenwald - nur gut gemeint oder wirklich sinnvoll, Foto: Carlos Zorrilla
Neue Bienen im Regenwald – nur gut gemeint oder wirklich sinnvoll, Foto: Carlos Zorrilla

Bienenstöcke – vermeintlich von der Europäischen Honigbiene – sind Teil eines kleinen Entwicklungsprojekts, das Kleinbauern in der Intag-Region, in der auch das Regenwaldprojekt von LichtBlick angesiedelt ist, helfen soll, ihren Lebensstandard zu verbessern und durch den Verkauf von Honig ein zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften. Zudem verpflichten sich die Kleinbauern, je 300 Baumsetzlinge, darunter Erle, Zeder und Guaba, auf ihrem Land zu pflanzen. Befürworter des Projekts betonen, dass sich die Imker in anderen Regionen von Amerika mit der neuen Bienenrasse erfolgreich arrangiert hätten.

Fremde Bienen – eine geplante Katastrophe oder eine süße Gelegenheit

Doch diese Bienen sind in der Intag-Region nicht heimisch. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen immer wieder, dass Tiere oder Pflanzen, die eingeführt werden, nicht nur Vorteile bringen. Sie verdrängen heimische Arten, verändern das Ökosystem und können mitunter mehr Probleme verursachen als mit ihnen eigentlich gelöst werden sollten. Unser Partner vor Ort, Carlos Zorrilla von DECOIN, hat einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

Wie kam die Honigbiene nach Amerika?

Vor der Ankunft der Europäer war die Honigbiene weder in Nord- noch Mittel- oder Südamerika heimisch. Dennoch gewannen bereits die Ureinwohner, darunter die Maya, Honig; dieser stammte von den mit den Honigbienen verwandten Stachellosen Bienen (Meliponini). Im Zuge der Kolonisierung führte man dann Europäische Honigbienen (EHB), meist deutsche oder italienische Rassen, ein. Im tropischen Klima erwiesen sich diese Bienen aber als nicht besonders leistungsfähig. Deshalb versuchte man durch die Einkreuzung Afrikanischer Bienen die Leistung der Honigbienen zu erhöhen.

Rapide Ausbreitung der afrikanisierten Bienen

Basierend auf Informationen der Projektbetreiber, erhalten die neuen Imker die Bienenvölker in der Annahme, diese seien harmlos – nur bei unkontrollierten, schnellen Bewegungen oder Missgeschicken wie das Umwerfen einer Kolonie, griffen diese an. Und hunderte Stiche seien nötig, um dem Menschen gefährlich zu werden. Die Projektinitiatoren verbreiten auch das Gerücht, dass Honigbienen 80 Prozent unserer Nahrung bestäuben, eine Behauptung, die schlichtweg falsch ist. Sollten morgen alle Honigbienen sterben, würde man den Effekt kaum spüren, da es schätzungsweise 20.000 andere Bestäuber gibt, darunter Wildbienen und Hummeln. Was mich zusätzlich an der Vertrauenswürdigkeit der Projektverantwortlichen zweifeln lässt, ist die schon fast absurde Annahme, dass die Überlebensrate der im Projekt gepflanzten Bäume 98 Prozent betragen werde. Meine jahrzehntelange Erfahrung mit DECOIN zeigt, dass langfristig eine Überlebensrate von 70-90 Prozent je nach Baumart realistisch ist.
Die Fehlinformationen sind besorgniserregend. Selbst wenn alle neuen Bienen europäischer Herkunft und friedlich sind, werden sie sich bald mit bereits im Intag entdeckten afrikanisierten Bienen fortpflanzen und mehr und mehr deren Eigenschaften übernehmen. Auffällig bei der afrikanisierten Biene ist die im Vergleich zur Europäischen Honigbiene schnellere Vermehrung und ihre Fähigkeit, sich sehr effektiv mit anderen Bienen zu kreuzen. Da sie viel häufiger ausschwärmen als die EHB bedeutet das, dass aus den ursprünglich 500 Kolonien voraussichtlich tausende unkontrollierte verwilderte Kolonien entstehen. Das ist keine Übertreibung oder Vermutung – man nennt dies aus Erfahrung lernen.

Für und Wider

Ist ein solches Vorhaben wirtschaftlich? Wie entwickelt sich der Lebensstandard der Familien durch die Bienenstöcke? Berücksichtigt man, dass der größte Teil der Intag-Region mit Nebelwald bedeckt ist und, dass es pro Jahr mehr als 2000 Millimeter Niederschlag gibt, so können wolkige und kühle Regentage die Honigproduktion mindern und die Imker zwingen, ihren Bienen Zucker zuzufüttern –was das Einkommen schmälert. Niemand weiß, ob die eingeführten Bienen auf Virusinfektionen überprüft werden, bevor sie in die Intag-Region kommen.
Was ist falsch daran, einige hundert Bienenkolonien in die Intag-Region zu schaffen, wenn es dort bereits afrikanisierte Bienen gibt und Imker anderenorts gelernt haben, mit ihnen umzugehen? Für mich lautet die bessere Frage: Ist es angesichts des fraglichen wirtschaftlichen Nutzens klug, hunderte neuer Bienenkolonien einzuführen, die schon bald ein Risiko für heimische Bestäuber, Mensch und Tier darstellen, in einem Gebiet, das eine reiche, schützenswerte Flora und Fauna besitzt?
Selbst wenn Projekte dieser Art gut gemeint sind: Wenn vorab die Sachlage nicht gründlich geprüft wird, können sie großen Schaden in der Natur und beim Menschen anrichten.


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