LICHTBLICKER

Der jährliche Projektbesuch in Ecuador

Projektbericht von Eva Danulat, Geschäftsführerin von „GEO schützt den Regenwald“

Auf dem Weg zum Schutzgebiet, Foto: GEO schützt den Regenwald e.V.
Auf dem Weg zum Schutzgebiet, Foto: GEO schützt den Regenwald e.V.

Ein Mal jährlich evaluiert die Geschäftsführerin von „GEO schützt den Regenwald e.V.“, Eva Danulat, vor Ort die Fortschritte des Intag-Projekts, diskutiert  mit den Projektpartnern der Umweltschutzorganisation DECOIN eventuelle Schwierigkeiten und plant mit ihnen die künftigen Schwerpunkte und Aktivitäten. Hier berichtet sie von ihrem Besuch vor Ort im Mai 2012:

LichtBlick in Irubí

Wohl niemand hätte zu Projektbeginn gedacht, dass dank der LichtBlick-Initiative innerhalb von sieben Jahren rund 4000 Hektar Wald im Intag geschützt werden würden. Wie jedes Jahr bin ich sehr gespannt auf die Besuche der in den Monaten zuvor gekauften Waldflächen; doch selten habe ich den Aufstieg zu einem neuen Schutzgebiet so sehr genossen wie den an diesem trockenen, klaren Tag im Mai, im Bezirk Apuela. Los geht’s auf etwa 2000 Meter Höhe in der idyllisch gelegenen Gemeinde Irubí. Die Straße endet in der kleinen Ortschaft, von dort aus schlängelt sich nur ein schmaler Pfad durch Viehweiden längs des Flusses Irubí das Tal hinauf. Angesichts der sich immer tiefer über die Berge legenden Nebelschwaden wollen wir nicht länger auf das Eintreffen der Pferde warten, die uns auf die Berghänge hinauftragen sollen. Die ersten Kilometer sind der DECOIN-Mitarbeiter und Landvermesser, Armando Almeida, und ich noch zu Fuß unterwegs. Die klare Bergluft duftet süß-würzig nach Gras sowie den zahllosen Blumen und Kräutern, die in diesem Monat sprießen. Das Wandern schenkt mir nun mehr Muße, die Natur zu erkunden – und eine ruhige Hand zum Fotografieren. Armando weiß die Antwort auf jede meiner Fragen, ob es um Baum- und Blumenarten geht oder die Gebietsreform im Kanton Cotacachi. Er erzählt von den schweren Niederschlägen des vergangenen Winters, die Erdrutsche provozierten und seine Arbeiten im Gelände erschwerten; Und  davon, dass die Gemeinde Irubí den Besuch von Vertretern des Umweltministeriums sehnsüchtig erwartet. Der Grund: Ein Brillenbär, womöglich ein älteres Tier, treibt sein Unwesen auf den Viehweiden der Gemeinde. In diesem Jahr hat der Bär bereits zwei Kälber gerissen. Die Menschen, die bislang höchstens einen Teil der Maisernte an die tierischen Nahrungskonkurrenten abschreiben mussten, sorgen sich nun um ihr Auskommen und ihre Sicherheit. Töten dürfen sie den Brillenbären – außer in Notwehr – nicht. Denn die Art ist im Intag streng geschützt; jedes Tier ist erfasst, trägt einen nummerierten Sender. Daher setzen die Bewohner nun ihre Hoffnung darauf vom Umweltministerium eine Entschädigung für den Verlust der Kälber gezahlt zu bekommen. Als nach einer Stunde schließlich Silvia und Milton mit den Pferden zu uns stoßen, steigen wir auf den Sattel um.

Flussdurchquerung zu Fuß und mit Pferd, Foto: GEO schützt den Regenwald e.V.
Flussdurchquerung zu Fuß und mit Pferd, Foto: GEO schützt den Regenwald e.V.

Immer weiter windet sich der Pfad sanft bergauf; zwei Mal queren wir den Fluss ohne abzusitzen. Die dritte Flussdurchquerung scheint für die Pferde riskant. Es hat auch noch in den letzten Wochen viel geregnet; der Irubí ist an dieser Stelle reißend, hat viele Untiefen und ist von großen Felsblöcken durchsetzt. Wir lassen die Pferde rasten und gehen lieber zu Fuß weiter – prompt laufen bei der Durchquerung meine Stiefel voll mit eiskaltem Wasser. Egal, bald haben wir unser Ziel erreicht! Am anderen Ufer schlägt uns Milton mit der Machete den Weg durch dichte Buschvegetation. Es geht noch ein, zwei Kilometer den Hang bergauf, dann ein wenig bergab. Unvermittelt stehen wir schließlich in einem kleinen Tal, auf einer früheren Viehweide, die von hellgrüner Pioniervegetation und 45 Hektar Primärwald gesäumt wird. Wie Recht Armando hat: Diese neue Waldfläche auf rund 2300 Meter Höhe ist einfach großartig! Mit dem Wetter haben wir großes Glück. Denn der Nebel, der für die Region so typisch ist, verhüllt an diesem sonnigen Tag ausnahmsweise mal nicht die gekaufte Fläche. Die Artenvielfalt des Waldes zeigt sich schon auf den ersten Blick durch die verschiedenen Größen, Formen und Grün-Töne der Bäume. Und auch die Schönheit der Landschaft ist wirklich einmalig – hier oben würde ich gerne mal einen Zelturlaub machen. Unsere knurrenden Mägen und die Aussicht auf Humitas , eine der kulinarischen Spezialitäten Ecuadors, erleichtern uns den Abschied und die Rückkehr ins Dorf.

Waldkauf in Cuellaje

Wie kompliziert der An- und Verkauf von Waldflächen im Intag sein kann, lerne ich anlässlich einer Anhörung des Bezirksrats im Büro des Bezirkspräsidenten von Cuellaje, an der DECOIN-Präsidentin Silvia Quilumbango, Armando Almeida und ich als Gäste teilnehmen dürfen. Zwei anwesende junge Männer erweisen sich als Erben von Waldflächen, die diese an den Bezirk Cuellaje verkaufen möchten (LichtBlick finanziert den Ankauf von Waldflächen) und dabei auf ein Entgegenkommen durch ihre Bezirksregierung hoffen. Die beiden Waldflächen grenzen, das wird aus den Papieren deutlich, an den bereits bestehenden Gemeinde-Schutzwald von Cuellaje – sie würden diesen also vergrößern, was für den Bezirk natürlich von Vorteil wäre. Laut den vorliegenden Urkunden sind die zwei Männer rechtmäßige Besitzer von jeweils 40 Hektar großen Flächen; aus den ebenfalls beurkundeten natürlichen Grundstücksgrenzen, wie Bachverläufe,  und der Lage von Nachbargrundstücken geht jedoch hervor, dass jede der Flächen tatsächlich rund 100 Hektar groß ist. Das Problem: Noch liegt die so genannte „Aclaratoria“ nicht vor, ein offizielles Schriftstück mit detailliertem Lageplan, das die genauen geografischen Koordinaten des Grundbesitzes in Form von GPS-Daten aufweist. Dieses von einem staatlichen Landvermesser zu erstellende Dokument könnten die beiden Walderben zwar in Auftrag geben. Doch im Verlauf der dann anstehenden Studie würde klar werden, dass ein – mächtiger und streitbarer  – Verwandter Teile ihrer Waldgrundstücke als sein Eigentum beansprucht. Die Folge: Ein Familienstreit, der nur vor Gericht zu klären wäre. Mit Bedauern müssen die Ratsherren und der Bezirkspräsident den beiden Männern erklären, dass der Rat in diesem Fall die Aclaratoria nicht bestellen kann; denn die Bezirksverwaltung muss gerichtliche Auseinandersetzungen in jedem Fall vermeiden: Erstens sind die Kosten hierfür kaum abschätzbar, zweitens gibt es kein Budget für Gerichtskosten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob der Gemeindewald von Cuellaje trotz dieser Umstände weiter vergrößert werden kann, oder ob stattdessen die Schutzflächen anderer Intag-Bezirke anwachsen werden.

Umweltbildung in Santa Rosa

Die Arbeit von DECOIN beschränkt sich keineswegs auf den Kauf von Waldflächen für Gemeinde-Schutzwälder, auf Aufforstungsvorhaben und den Schutz von Wassereinzugsgebieten. Denn jedem, der für die Organisation arbeitet, erscheint eine nachhaltige Entwicklung der Intag-Region nur möglich, wenn die heranwachsende Generation Zugang zu den Wissensgrundlagen für den Umgang mit der Natur erhält. Mit unseren Partnern von DECOIN bin ich also zu Besuch in der kleinen Grundschule von Santa Rosa, um mich vom Erfolg der kürzlich begonnenen Umweltbildungsinitiative für die Schulkinder der Region zu überzeugen, die ebenfalls durch das „LichtBlick-Projekt“ finanziert wird. An der Vermittlung umweltbezogener Inhalte im Schulunterricht mangelte es bis Anfang des Jahres ebenso deutlich wie an ausgebildetem Lehrpersonal.

Schulkinder mit der Umwelt-Lehrerin Angela Gomez, Foto: GEO schützt den Regenwald e.V.
Schulkinder mit der Umwelt-Lehrerin Angela Gomez, Foto: GEO schützt den Regenwald e.V.

Dann stießen die DECOIN-Mitarbeiter auf die Kanadierin Angela Gómez, die ein Jahr im Tag verbringt – ein überaus glückliches Zusammentreffen. Dass Angela eine begnadete Lehrerin ist, die Umweltbildung für Kinder mit ebenso viel Sachverstand wie Engagement und Leidenschaft umsetzt, ist jedem, der an ihrem Unterricht teilnimmt, sofort klar. Die sechs- bis elfjährigen Kinder in Santa Rosa jedenfalls vergessen, dass ihnen still sitzen und zuhören meist furchtbar schwer fällt. Sie hängen geradezu an den Lippen der jungen Frau, und machen begeistert im Unterricht mit. Und ich bewundere wie unterhaltsam und dabei lehrreich das ist, was sich die Pädagogin ausgedacht hat. Hilfsmittel für den Unterricht auf Spanisch gab es nicht. Vor den Schülern liegen also die durch Angela liebevoll selbst erarbeiteten und kopierten Mappen mit Farbfotos von Tieren und Pflanzen, die durch kurze, stichwortartige Texte charakterisiert werden. Die Klasse spielt „Wer bin ich?“. Eines der Kinder liest holprig vor: „Ich bin eine bedrohte Tierart.“ Ein anderes soll das Tier erraten. Die Klassenkameraden fiebern mit, rufen ihre Vermutungen in die Runde. Immer neue Hinweise auf die gesuchte Art werden vorgelesen – nach ein paar Minuten ist das Rätsel geknackt: Gesucht war die Tigerkatze. „Haben wir hier im Intag eine große Vielfalt an Pflanzen und Tieren, große Biodiversität?“ fragt Angela. „Ja!“ rufen die Kinder im Chor. Danach zeigt sie eine Sequenz des Naturfilms „Home“ von Yann-Arthus Bertrand auf ihrem Notebook. Auf dem Boden sitzend drängen sich die Kinder vor dem kleinen Bildschirm. Immer wieder unterbricht Angela die Präsentation für ein paar Sekunden, stellt eine kurze Frage zum Verständnis der Filminhalte. Fragt bei Bildern des eingeschneiten arktischen Waldes: „Ist die Diversität im Wald der Arktis auch so groß wie die hier bei uns?“ Die Antwort der Kinder kommt wie aus der Pistole geschossen: „Nein!“, und sofort geht die Filmvorführung weiter.

Umweltbildung im Intag, Foto: GEO schützt den Regenwald e.V.
Umweltbildung im Intag, Foto: GEO schützt den Regenwald e.V.

Anschließend ein Umwelt-Quiz im Hof:  Die Kinder tanzen hierbei zu Musik um einen Kreis von Stühlen. Wird die Musik unterbrochen, müssen die Schüler eine Quizfrage beantworten. „Was soll man mit Bonbon-Papier machen, wenn es im Bus keinen Mülleimer gibt?“ Richtige Antwort: „Mitnehmen und zuhause wegwerfen!“. Ein zusätzlicher Stuhl wird in den Kreis gestellt (bei falscher Antwort wird ein Stuhl entfernt; ein Kind wird beim nächsten Musikstopp keinen Sitzplatz finden und aussetzen müssen). Außer uns, der kleinen Besuchergruppe von DECOIN, sind an diesem Tag auch drei der Hilfslehrer anwesend, die Angela im März 2012 im Rahmen eines zweitägigen Seminars in die Kunst der kindgerechten Vermittlung von Umweltthemen eingewiesen hat. Diese jungen Leute aus dem Intag haben heute sozusagen eine praktische Trainingseinheit, schauen und hören zu, um sich die Tricks und Kniffe der Pädagogin abzuschauen. Und immer wieder delegiert Angela das Unterrichten an sie, die künftigen Umweltlehrer. Ab Ende Juni, wenn Angela in das heimische Vancouver zurückgekehrt ist, werden sie, die Multiplikatoren, den Schulunterricht alleine gestalten.


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