Regiogeld Flickr/CC

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Blogbeitrag von Sigwart Zeidler, IT

Im letzten Blogbeitrag stellte ich dar, weshalb am Wachstumsdogma festgehalten wird, obwohl dauerhaftes Wachstum unmöglich ist. Bevor ich nun Ideen für einen möglichen Lösungsansatz vorstellen werde, möchte ich noch einmal das Bild des Wirtschaftsorganismus aufgreifen und die aktuelle wirtschaftliche Situation entsprechend darstellen.

Der Patient Wirtschaft

Die Weltwirtschaft, einst viele unabhängige Wirtschaftsorganismen, liegt, scheinbar zusammen-gewachsen zu einem einzigen Wesen, krank darnieder.  Ein unansehnlicher strukturloser Klumpen Masse, übersät von unzähligen Geschwüren und eiterig-blutigen Verkrustungen. Diese machen es schier unmöglich, Einzelheiten zu erkennen. Jede Nation hängt am Zinstropf und ein Heer von Spezialisten steht ratlos um den Patienten herum, der nicht sterben darf. Ohne sich um eine gründliche Untersuchung der Ursachen und Wirkungen zu kümmern, besteht Einigkeit darüber, dass die Mittel zur Heilung begrenzt sind. Die Wortführer – namhafte Ratingagenturen sowie bedeutende Finanz- und Wirtschaftsmanager – maßen sich an, die Behandlungswürdigkeit und Selbstheilungsfähigkeit einzelner Teile  zu bewerten. Aufgescheucht von deren Urteil schaffen die Assistenzärzte – Wirtschaftspolitiker, Minister, Kanzler und Präsidenten – jedes Mal, wenn einer der Staaten zu kollabieren droht, einen neuen größeren Geldtropf herbei und verabreichen diesen möglichst schnell und wundern sich, dass trotzdem keine Besserung eintritt, sondern immer mehr Eiter und Blut verkrustet.  Aber man ist froh, wenn der Patient nicht stirbt.

Theoretiker

Sucht man innerhalb volkswirtschaftlicher Theorien nach Lösungsmöglichkeiten für das Wachstumsproblem und das Problem der ständig wiederkehrenden Wirtschaftskrisen, so stößt man auf die Namen Silvio Gesell und Gustav Ruhland. Diese dachten bereits vor über einhundert Jahren unabhängig voneinander über die Wirtschaftskrisen und deren Ursachen nach. Beide sind zu dem Ergebnis gekommen, dass der eigentliche Grund im Geldwesen, nämlich in der Verzinslichkeit des Geldes, liegt. Vor allen Dingen Silvio Gesell hat ausgehend von dieser Erkenntnis das Modell eines Geldsystems entwickelt, welches ohne Zinsen funktionieren sollte.
In der Zeit seit den sechziger Jahren hat wohl Hans Christoph Binswanger als erster auf den Zusammenhang zwischen Zins und Wachstumszwang hingewiesen und Bernd Senf hat die Ideen Silvio Gesells unter Berücksichtigung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs weiterentwickelt. Weitere Ökonomen und Wissenschaftler aus angrenzenden Disziplinen  haben diese Gedanken aufgegriffen und teilweise andere Modelle für die praktische Umsetzung entwickelt.

Umlaufsicherung des Geldes

Alle diese Theoretiker sind sich darin einig, dass zwar die Abschaffung des Zinswesens den Zwang zum Wachstum aufheben würde, der Zins aber nicht einfach per Gesetz abgeschafft werden kann. Es müssen also Möglichkeiten gefunden werden, die den Zins von allein überflüssig werden lassen und gleichzeitig den Umlauf des Geldes sicherstellen. Zwar besteht noch Uneinigkeit darüber, wie der Umlauf zu sichern ist, aber die Mehrzahl der praktischen Vorschläge beruhen auf den Ideen Silvio Gesells. Diese bestehen darin, eine Gebühr für nicht fließendes Geld zu bezahlen, so wie für falsch geparkte Autos, die den Straßenverkehr blockieren.  Auf den ersten Blick erscheint das wie eine Strafe, wohingegen der Zins als Belohnung gesehen werden kann. Das aber ist eine Frage des Standpunktes. Aus Sicht des Verleihenden kann es als Strafe aufgefasst werden, aus Sicht des Beliehenen aber stellt der Zins eine Strafe dar, die über Jahre oder gar Jahrzehnte gezahlt werden muss.  Bei genauerer Betrachtung wird man feststellen, dass es sich bei einer solchen „Nutzungsgebühr“ letztlich nur um eine spezielle Art  von Steuer handelt, die zudem nur für nicht fließendes Geld erhoben wird. Dadurch könnten vermutlich andere Steuern entfallen. Gegen diese Art der Umlaufsicherung gibt es typische Einwände, auf die näher eingegangen werden muss.

Abhängigkeit der Politik vom Kapital

Der erste Einwand lautet: „Das könnte vielleicht gehen, aber da werden doch die am Zins verdienenden Bankhäuser und Finanzinstitute nicht mitmachen!“ Dieses Argument beinhaltet die Annahme, dass die Politik letztlich abhängig vom Kapital ist. Aber Politik wird von Menschen gemacht. Vieles spricht zwar dafür, dass diese sich dem Kapital verpflichtet fühlen oder verpflichtet haben, aber das Grundgesetz legt die Verantwortlichkeit der Politiker eindeutig fest. Artikel 38 des GG besagt: „Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.“  Es liegt an uns Wählern, welche  Politiker das Land regieren.

Unangemessenes Sicherheitsstreben

Der zweite Einwand sagt: „Aber das geht doch nur, wenn alle Länder mitmachen.“ Mit dem Argument  wird ein Sicherheitsbestreben offenbart, mit dem überhaupt keine Änderungen erreicht werden. Wer so argumentiert, will möglicherweise gar nichts ändern, denn er weiß, dass nie alle unter einen Hut zu bekommen sind. Mit diesem Argument kann man alles verhindern. Damit gäbe es keine Abrüstungsmaßnahmen, keinen Umweltschutz, keine Energiewende. Wenn aber ein Land vormacht, wie viel harmonischer und verlässlicher eine Wirtschaft mit einem durch Gebühren umlaufgesicherten Geld funktioniert, wird es bald viele Nachahmer finden.

Historische Beispiele

Außerdem gibt es bereits Beispiele dafür, dass der Geldumlauf durch Gebühren gesichert werden kann. Zwischen ca. 1100 und 1400  war fast in ganz Mitteleuropa das Geld jeweils nur eine begrenzte Zeit gültig. Dann musste es gegen neues Geld getauscht werden. Rund 20% des eingetauschten Geldes wurden als Gebühr einbehalten und für Staatsausgaben verwendet, sonstige Steuern darüber hinaus gab es oft nicht. Dadurch war jeder bestrebt, möglichst wenig Geld zu behalten, um den Verlust beim Umtausch gering zu halten. Als Ergebnis der daraus resultierenden Freigiebigkeit bestaunen wir noch heute die imposanten gotischen Kirchen, die überwiegend aus Spendengeldern finanziert worden sind.
Während der Weltwirtschaftskrise, die  1929 begann, führte die Stadt Wörgl in Österreich mit Hilfe der Raiffeisenbank im Juli 1932 ein durch Gebühren umlaufgesichertes Notgeld ein. Die Zahl der Arbeitslosen im Ort sank um 25% und alle zum Leben notwendigen Güter waren wieder erhältlich, niemand musste mehr Not leiden, dringend notwendige Bauprojekte konnten durchgeführt und finanziert werden. Leider verbot die österreichische Nationalbank im September 1933 die Weiterführung des Wörgler Experimentes.  Die Folgen waren wieder steigende Arbeitslosenzahlen und Armut und schließlich, Zuflucht zu den Nationalsozialisten.

Auswirkungen

Die Auswirkungen eines durch Gebühren umlaufgesicherten Geldes wären vielfältig und sind möglicherweise gar nicht vollständig absehbar. Sehr wahrscheinlich ist, dass nur noch die tatsächlichen Kosten für Beschaffung und Bearbeitung eines Produktes im Preis enthalten wären, weshalb die Waren also billiger würden. Gleichzeitig würde vermutlich die Arbeitszeit als Kostenfaktor eine untergeordnete Rolle spielen und die Löhne trotzdem vergleichsweise hoch ausfallen. Dadurch würden Kosten für Bildung und Kultur, die jetzt von öffentlichen Einrichtungen getragen werden, bereitwillig von den  Menschen übernommen. Im jetzigen zinsbehafteten Wirtschaftskreislauf gibt es viele unsinnige und letztlich unproduktive Arbeiten, die nur der Verteilung des Geldes dienen. Ich bin sicher, dass solche Tätigkeiten der Vergangenheit angehören würden und innerhalb nur weniger Jahre wir alle unseren Lebensunterhalt mit erheblich geringerer Arbeitszeit verdienen würden. Natur- und Umweltschutz würden automatisch zur Selbstverständlichkeit, da die Frage „Wer soll das bezahlen?“ niemand mehr stellt. Die dann richtige Frage wird lauten: „Wer tut was wann?“

Ansätze und Möglichkeiten

Schon seit Jahren gibt es in Form sogenannter Regiowährungen lokal begrenzte Lösungsansätze zu einem fließenden Geld, welches vor allen Dingen die regionale Wirtschaft stärken soll, indem das Geld in der Region bleibt. Chiemgauer, UrstromTaler, Roland und Havelblüte sind nur wenige Beispiele.
So wie einst Umweltschutzverbände und deren Mitglieder die Politik gezwungen haben, sich des Umweltschutzes anzunehmen, werden wir wohl heute durch ähnliche Maßnahmen die Politiker davon überzeugen müssen, dass Geld fließen muss. Ansätze und Initiativen gibt es genug. Angefangen von den Informationsveranstaltungen bis hin zu Onlinepetitionen kann jeder seinen Beitrag leisten.

4 Kommentare

  1. Kathrin Hoffmann sagt:

    Ein vielversprechendes Wirtschaftsmodell, welches die hier vorgestellte Idee integriert, allerdings auch weit darüber hinaus geht, gibt es hier: http://www.gemeinwohl-oekonomie.org/

  2. Sigwart Zeidler sagt:

    Vielen Dank für den Hinweis. Nach einem ersten Überfliegen in der Tat ein sehr vielversprechendes Modell. Ich werde das genauer ansehen und denke, dass es auch für die Fa. Lichtblick interessant sein sollte, sich als Unternehmen anzuschliessen.

  3. Magdalena sagt:

    Zu diesem Thema habe ich bereits vor Kurzem einen sehr informativen Blog gelesen: https://www.polarstern-energie.de/blog/-/wirtschaft-ist-fuer-alle-da/

  4. Sigwart Zeidler sagt:

    Vielen Dank auch für diesen Hinweis, der indirekt wiederum der Verweis auf die Gemeinwohl-Ökonomie ist.
    Es bewegt sich also etwas, aber noch zu wenig.

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