Als Maß für die Verantwortbarkeit der Kernkraft wird gemeinhin das Restrisiko heran gezogen. Die Befürworter bewerten das Restrisiko als so gering, dass sie im Rahmen ihres Abwägungsprozesses zu dem Schluss kommen, dass die kurzfristigen Vorteile der friedlichen Nutzung der Kernenergie deutlich etwaige Restrisiken überwiegen. Sie halten die Kernkraft für verantwortbar. Was Restrisiko dabei aber im Detail bedeutet, haben sie sich offenbar nicht im Detail vor Augen geführt.

Vermeintlich geringe Eintrittswahrscheinlichkeit

Risiko – oder Restrisiko – ist mathematisch / wissenschaftlich das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß. Über Eintrittswahrscheinlichkeiten haben wir die Tage viel gelernt. Was als ein mal in hunderttausend Jahren gemeinhin als absolut unwahrscheinlich und somit als nicht existent eingestuft wird, kann an jedem Tag der 365.000.000 Tage passieren. Am ersten Tag oder aber am 365.000.000 Tag. Über die Vielzahl der weltweit in Betrieb befindlichen Reaktoren und deren Betriebsjahre reduziert sich die Eintrittswahrscheinlichkeit. Tschernobyl ist 25 Jahre her. Trotzdem bleibt sie, wenn man so will, niedrig.

Großes Schadensausmaß

Viel entscheidender bei der Frage der Verantwortbarkeit der Atomenergienutzung ist aber das Schadensausmaß, also der zweite Multiplikator in o.g. Formel. Selbst wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit gering zu sein scheint, so ist das Schadensausmaß so immens, dass sich damit jedwede weitere Diskussion über die Frage der Nutzung der Kernkraft sofort erübrigt.

 Wir sehen es aktuell in Japan. Die weltweit drittgrößte Weltwirtschaft kommt an ihre wirtschaftliche Grenze. Immense volkswirtschaftliche Werte werden mit einem Schlag vernichtet. Die Aktienkurse veranschaulichen diesen Wertverlust ansatzweise. Ökosysteme werden auf Jahrzehnte, womöglich Jahrtausende geschädigt. Ganze Landstriche für immer unbewohnbar. Wertschöpfung muss für immer aufgegeben werden. Wer dies einmal ernsthaft analysiert hat – und nicht alles davon ist in Aktienkursen ablesbar -, wird schnell zu dem Schluss kommen, dass die kurzfristigen Vorteile – Wirtschaftlichkeit, Wettbewerbsfähigkeit, Komfort usw. – in keinem Verhältnis zu dem stehen, was auf dem Spiel steht. Nie. Das Schadensausmaß ist bei Nuklearkatastrophen zu hoch, unverantwortlich hoch. Keine Versicherung ist bereit, potentielle Schäden abzusichern. So bleibt nur die Sozialisierung.

 Diese Erkenntnis ist völlig unabhängig davon, wo sich eine solche Katastrophe auf der Welt ereignet und ob sie durch einen technischen Defekt, menschliches Versagen, einen Terroranschlag oder eine Naturkatastrophe verursacht wird. Und an diesem Ergebnis ändert sich selbst dann nichts, wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit beispielsweise durch Nachrüstung und Technik nochmals signifikant reduziert werden könnte. Das Gerede vom billigen Atomstrom wird angesichts der potentiellen Schäden nuklearer Katastrophen zur Makulatur.

 Kernenergie: unveranwortbar

Übertragen wir diese Szenarien auf unser Leben in Europa – unfassbar. Jetzt und in Zukunft. Da hilft kein Moratorium über drei Monate. Da hilft es auch nicht, die Frage europäisch lösen zu wollen, wie die deutschen Kernkraftwerksbetreiber es uns jetzt weiß machen wollen. Das sind Taktierereien. Das Schadensausmaß stellt alle vermeintlichen Vorteile in den Schatten. Und das unterscheidet die Atomkraft auch fundamental von anderen Restrisiken, denen wir täglich in vielfältiger Weise ausgesetzt sind. Fast jede andere Katastrophe bleibt lokal oder regional begrenzt und kann – abgesehen vom Tod und menschlichen Leid – mit mehr oder weniger hohem Aufwand behoben werden. Bei Atomkatastrophen ist es anders.

 All diese Überlegungen und Szenarien sind nicht neu. Sie sind immer Teil der Risikobewertung der Kernkraft gewesen. Zumindest bei den Menschen, die sich intensiv und ergebnisoffen im Rahmen des Abwägungsprozesses über die Verantwortbarkeit der Kernkraft mit diesen Fragen auseinander gesetzt haben. Offenbar wächst diese Erkenntnis bei einigen Verantwortlichen erst mit den schrecklichen Bildern aus Japan. Musste es soweit kommen?

3 Kommentare

  1. Michael Schiffer sagt:

    Tipp: 100.000 Jahre mit jeweils 365 Tagen haben nicht, wie im Artikel erwähnt 365.000.000 Tage, sondern nur 36.500.000. Wenn Sie schon mathematisch / wissenschaftlich argumentieren, machen Sie sich doch bitte nicht durch solche Fehler angreifbar.
    Ansonsten stimme ich Ihnen vollkommen zu!

  2. Gero Lücking sagt:

    Stimmt. Danke für den Hinweis.

  3. dieter pohle sagt:

    allesschalten !!!!!

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